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Aktuell im Gespräch mit Frank Michalak, Vorstandsvorsitzender der AOK Berlin-Brandenburg

Gemeinsame Versorgungsmodelle für die Zukunft – innovativ, auf Augenhöhe, mit Sachverstand

Mit Jahresbeginn gibt es eine fusionierte AOK Berlin-Brandenburg unter Ihrer Leitung. Glückwunsch! Ist der Start geglückt?

Ja, wir sind erfolgreich gestartet und somit zufrieden. Personell sind wir gut aufgestellt und das eine oder andere kleinere technische Problem, das bei solch einem Mammutprojekt zwangsläufig auftritt, wird mit Sicherheit in nächster Zeit beseitigt.

Was bedeutet diese Fusion für die Versorgungslandschaft in Brandenburg?

Wir bündeln unsere Kompetenz und Leistungskraft und können uns so besser auf neue, innovative Leistungs- und Versorgungsangebote fokussieren. Und genau das finde ich persönlich sehr interessant; was können wir voneinander lernen, was kann man beispielsweise in Brandenburg neu machen, was in Berlin erfolgreich ist.

Was wäre das beispielsweise?

Wir denken darüber nach, den erfolgreichen Ansatz des Berliner Pflegeheimprojektes, der die Versorgungsqualität verbessert und die Tätigkeit von Ärzten und Therapeuten in Pflegeeinrichtungen zum Beispiel besonders honoriert, auf Brandenburg auszuweiten. Im Blick haben wir beispielsweise auch solche Gebiete wie die rheumatologische Versorgung oder die Behandlung psychischer Erkrankungen, bei denen wir aktuell hohe Krankenstandsquoten verzeichnen.

Aufgrund der besonderen Versichertenklientel ist die AOK im vergangenen Jahr finanziell aus dem Gesundheitsfonds recht gut bedient worden. Was erwarten Sie für die kommenden Jahre?

Zuerst einmal: Ja, wir haben als AOK im Jahr 2009 finanziell von der neuen, die Morbidität berücksichtigenden Verteilung profitiert. Aber das war auch korrekt und dringend notwendig, denn wir haben nun einmal die Versichertenstruktur, die mehr medizinische Versorgung und Betreuung verlangt. Im Übrigen: Wir haben dafür Geld an die Ärzteschaft und die anderen Vertragspartner weitergeleitet.

Nun haben insbesondere die südlichen Bundesländer angekündigt, die Verteilung der Gelder aus dem Gesundheitsfonds „neu zu stricken“, das heißt, zu regionalisieren.

Wenn mit Regionalisierung gemeint ist, dass die regionale Wirtschaftskraft wieder stärker die Einnahmen der Kassen bestimmt, dann ist das ein Anliegen, das wir nicht mittragen werden. Denn es würde bedeuten, dass die Solidarität wieder ausgehöhlt wird und damit auch weniger Geld für die Versorgung der Versicherten sowie letztlich der Ärzte in Brandenburg zur Verfügung steht.

Da schwingt ein Aber mit …

… richtig. Denn wenn Regionalisierung bedeutet, dass die Regionen in aller Regel mehr Raum für vernünftige, die spezifischen Bedingungen berücksichtigende Lösungen umsetzen können, dann halte ich es für eine gute Variante. Ich möchte hier noch einen Gedanken anfügen …

Bitte.

Ich möchte mich bei den Ost-KVen und hier speziell bei Brandenburg bedanken, dass sie frühzeitig öffentlich so vehement für die Beibehaltung des Gesundheitsfonds und der Grundsystematik der Mittelverteilung votiert haben. Ich halte es für dringend notwendig, dass die KVen und die großen Versorgerkassen in dieser Frage Schulter an Schulter agieren!

Der KBV-Vorsitzende Dr. Köhler hat auf der jüngsten KBV-Vertreterversammlung gefordert, die Honorarverteilung wieder ausschließlich in die Hände der KVen zu legen. Was halten Sie davon?

Wir müssen einmal abwarten, wie sich dies weiterentwickeln wird. Allerdings ist klar: Honorarverteilung ist immer auch ein Werkzeug zur Versorgungssteuerung, fachrichtungs- und leistungsspezifisch wie auch regional. Der Gesetzgeber hat sich bewusst dafür entschieden, die GKV hier mit in die Verantwortung zu nehmen, um einen Abstimmungsprozess der Vertragspartner zu den wichtigen Fragen der Sicherstellung zu bewirken. In Brandenburg haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Fragen der Honorarverteilung gemeinsam und vertrauensvoll geklärt werden konnten.

Die AOK Brandenburg hatte im vergangenen Jahr bundesweit den ersten Selektivvertrag mit Fachärzten abgeschlossen. Wie fällt Ihr Fazit dazu aus?

Positiv, es ist quasi ein Erfolgsmodell. Wir haben über 4.500 eingeschriebene Versicherte, 115 konservativ tätige und operierende Augenärzte und bislang 4.400 erfolgte Operationen. Das sind schon beeindruckende Zahlen. Und auch die Patienten sind sehr zufrieden, wie Umfragen ergeben haben.

Kritik kam zu diesem Vertrag auch ausden Krankenhäusern, die aufgrund dieses Selektivvertrages nun Probleme bei der Ausbildung junger Augenärzte haben.

Ja, das hat uns schon etwas nachdenklich gestimmt. Die Verlagerung dieser Operationen in den ambulanten Bereich scheint sich tatsächlich diesbezüglich negativ auszuwirken. Dieses Beispiel zeigt, dass bei solchen Verträgen nicht nur kurz-, sondern auch langfristige Überlegungen einfließen sollten.

Wie schätzen Sie grundsätzlich das Nebeneinander von Kollektiv- und Selektivverträgen ein?

Dieses Nebeneinander verlangt Sorgfalt bei der Klärung der Versorgungsaufträge und eine klare Definition, wer welchen Teil der Leistung erbringt. Wird dies beachtet, bieten diese Selektivverträge schon die Möglichkeit, spezielle Leistungsangebote entsprechend der konkreten Bedürfnisse der Versicherten anzubieten.

Aus ärztlicher Sicht ist die Frage der Bereinigung eine ganz zentrale. Wie bewerten Sie den diesbezüglichen, kurz vor Weihnachten gefundenen Kompromiss auf Bundesebene?

Die Bereinigung der Gesamtvergütung bei Selektivverträgen ist die Bedingung, dass solche überhaupt vereinbart werden können. Aber es steckt der Teufel im Detail, der jetzt auch bei den Vereinbarungen auf Bundesebene sichtbar wird.

Zum Beispiel?

Diese Bereinigung umzusetzen, wird vor allem deshalb so kompliziert, weil diese Regelungen, die ja mit einzelnen Kassen getroffen werden, oftmals in Sachverhalte eingreifen, die GKV-übergreifend gemeinsam und einheitlich vereinbart wurden.

Das klingt nach Quadratur des Kreises.

Zumindest so ähnlich. Deshalb ist für mich entscheidend, ob der gemeinsame Wille von Ärzteschaft und GKV vorhanden ist, das Instrument der Selektivverträge zum Nutzen aller Beteiligten handhabbar zu gestalten.

AOK Brandenburg und KVBB haben 2009 mit einer bundesweit bislang einmaligen Kooperation – einer Arbeitsgemeinschaft, einem „Joint Venture“ – für Furore gesorgt. Wie bewerten Sie den gegenwärtigen Stand der Umsetzung?

Zuerst einmal: Dieser Ansatz ist in Brandenburg genau richtig. Er ist modern, innovativ und wird den Herausforderungen, die wir in Zukunft zu meistern haben, gerecht.

Das heißt, Sie sind mit der Umsetzung noch nicht so richtig glücklich? Wissen Sie, man muss Neuerungen auch eine gewisse Reifezeit zubilligen. Nicht immer gibt es gleich die Einhundertprozent-Lösung. Wir machen kleine Schritte. Überlegungen zur fach- und hausärztlichen Betreuung habe ich schon angesprochen, andere Handlungsfelder wie Herzinsuffizienz oder Diabetes sind in Arbeit. Es geht voran, und ich bin überzeugt, dass wir zum Jahresende2010 auch nicht mehr nur zwei Partner - AOK und KVBB -, sondern mindestens drei sind.

Welchen Stellenwert nimmt diese Zusammenarbeit innerhalb der Arbeitsgemeinschaft nach der Fusion mit der AOK Berlin ein?

Daran wird sich nichts ändern! Uns liegt viel an dieser Form der Kooperation, und wir werden von uns aus hart am Ball bleiben.

Nach wie vor hat Brandenburg die geringste Arztdichte. Welche Möglichkeiten sehen Sie als Vorsitzender der größten Krankenkasse in unserer Region, dies zu ändern?

Hier sollten und müssen wir gemeinsam mehrgleisig fahren. Zurzeit sind wir ja in konkreten Verhandlungen, die zum Ende 2009 ausgelaufene finanzielle Förderung von Arztpraxen in unterversorgten Gebieten zu verlängern. Die KVBB hat sich klar dazu bekannt, die AOK auch. Aber es geht nicht nur um finanzielle Förderung.

Wo sehen Sie weitere Ansätze?

Aufgrund der demographischen Entwicklung müssen wir hier in der Mark auch Lösungen finden, bei denen der Arzt stärker zum Patienten kommt. Denn wir werden auf Dauer nicht in allen Regionen die bisherigen Versorgungsstrukturen aufrecht erhalten können.

Mobile Arztpraxen?

Ja, das ist eine meiner Überlegungen. Die Begrifflichkeit ist mir letztlich egal. Auf alle Fälle Strukturen in diese Richtung. Wenn ich richtig informiert bin, gibt es ähnliche Ansätze ja auch bei der KBV. Aber wir müssen auch sehen, dass die Politik konkret in die Pflicht genommen wird.

Was meinen Sie damit?

Ich war gerade einige Tage in Westfalen. Dort stellt das Land mehrere Millionen Euro für Versorgungsmodelle im ambulanten Bereich zur Verfügung. Wenn das in einer solchen Versorgungslandschaft geht, dann sollte es legitim sein, darüber nachzudenken, dass staatliche Fördermittel in Brandenburg nicht nur in den stationären Bereich fließen, sondern durchaus auch in den ambulanten.

Herr Michalak, welche Akzente erwarten Sie von der KV Brandenburg für dieses Jahr?

Weiterhin solch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und Aufgeschlossenheit für Neues. Und dass wir gemeinsam weiter nach neuen Versorgungsansätzen suchen. Wir haben die Kompetenzen und wir haben auch das entsprechende Gewicht für dieses erfolgreiche Miteinander. Und wir sollten auch das Augenmerk auf vernünftige politische Rahmenbedingungen richten.


Vielen Dank für dieses Gespräch
Gefragt und notiert von Ralf Herre



01.02.10

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Frank Michalak, Vorstandsvorsitzender der AOK Berlin-Brandenburg
Frank Michalak, Vorstandsvorsitzender der AOK Berlin-Brandenburg