Auswertung der Honorarreform 2009

Die Honorarreform im Jahr 2009 hat das vertragsärztliche Vergütungssystem erheblich verändert: Die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (M-GV) wurde eingeführt und somit das bisherige System der weiterentwickelten historischen Kopfpauschalen je Mitglied abgelöst. Die M-GV wird nun auf Basis der Behandlungsbedarfe der Versicherten je Krankenkasse unter Berücksichtigung der gesetzlich vorgegebenen Steigerungsraten ermittelt.

Der mit der Einführung der M-GV einhergehende, längst notwendige Wechsel von einer Mitglieder- zu einer Versichertenbetrachtung, die aktuellere Berechnungsbasis (2007) sowie die im Bewertungsausschuss festgesetzten Anpassungen haben zu einer deutlich verbesserten finanziellen Ausstattung der ambulanten Versorgung in Brandenburg geführt. Infolgedessen konnten im vergangenen Jahr sowohl im haus- als auch im fachärztlichen Versorgungsbereich merkliche Honorarzuwächse erzielt werden.

Das Durchschnittshonorar der niedergelassenen Hausärzte (niedergelassene Ärzte in Einzelpraxen und fachgleichen Berufsausübungsgemeinschaften) stieg 2009 um ca. 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Honorarzuwachs der niedergelassenen Fachärzte mit RLV lag im Mittel bei 7 Prozent. Insgesamt stieg die Honorarsumme (Umsatz) aller Brandenburger Ärzte und Psychotherapeuten im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) 2009 um ca. 69 Mio. Euro auf 838 Mio. Euro. Dies entspricht einem Plus von knapp 9 Prozent im Vergleich zum Jahr 2008.

Dennoch besteht hier weiterhin ein dringend notwendiger Nachholbedarf. Dieser lässt sich unter anderem an dem durchschnittlichen, mit befreiender Wirkung (abgesehen von einigen extrabudgetären Leistungen wie Prävention und ambulante Operationen) von den Krankenkassen in Brandenburg je Versicherten zur Verfügung gestellten Betrag in Höhe von ca. 80 Euro pro Quartal für die gesamte ambulante Versorgung ablesen. Dieser Betrag liegt trotz einer deutlich älteren Bevölkerungsstruktur mit entsprechend höherer Morbidität erheblich unter dem Bundesdurchschnitt von 84 Euro. Der Grund dafür ist, dass die im Rahmen des Gesundheitsfonds bereits ausfinanzierte Morbidität derzeit nicht als Maßstab für die Bereitstellung von Mitteln für den ambulanten Bereich herangezogen wird.

Ein anderer wesentlicher Aspekt ist, dass nicht alle Ärzte gleichermaßen von dem Mittelzuwachs profitieren konnten. Unterschiede bestanden sowohl zwischen als auch innerhalb der Arztgruppen.

Im hausärztlichen Versorgungsbereich konnten 2009 rund 70 Prozent der Ärzte Mehreinnahmen von über 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr erzielen. Im fachärztlichen Versorgungsbereich waren es ca. 60 Prozent. Weitere 22 Prozent der Hausärzte und 23 Prozent der Fachärzte bewegten sich in der Schwankungsbreite von -5 Prozent bis +5 Prozent. Es gibt jedoch auch einen nicht zu vernachlässigenden Teil von Ärzten, die deutliche Honorarverluste von mehr als 5 Prozent hinnehmen mussten. Dieser lag im hausärztlichen Versorgungsbereich bei ca. 8 Prozent und im fachärztlichen Versorgungsbereich bei ca. 17 Prozent. Die Ursachen für diese Honorarverluste sind vielfältig und können deshalb nur in einem individualisierten Widerspruchsverfahren analysiert werden. So kann zum Beispiel ein Honorarverlust aus der Umstellung der Honorarsystematik, aber auch aus einer geringeren Praxistätigkeit resultieren.


Entwicklung des durchschnittlichen Honorars ausgewählter Arztgruppen 2008 zu 2009


Ausschließlich Honorare der niedergelassenen Ärzte in Einzelpraxen und fachgleichen Berufsausübungsgemeinschaften, Honoraranteile aus Selektivverträgen wurden nicht beachtet.


Die größten Honorarzuwächse in 2009 gab es im Vergleich zum Vorjahr für die Arztgruppen Nervenheilkunde / Neurologie / Psychiatrie (29 Prozent), Urologie (19 Prozent), Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie (17 Prozent), Innere Medizin mit Schwerpunkt Hämatologie / Onkologie (16 Prozent) sowie für die Allgemeinmediziner / Praktischen Ärzte / hausärztlich tätigen Internisten (11 Prozent).

Eine negative Honorarentwicklung wiesen dagegen die Arztgruppen MKG-Chirurgie (-13 Prozent), Nuklearmedizin (-8 Prozent), Radiologie mit CT (-7 Prozent), Innere Medizin mit Schwerpunkt Endokrinologie (-6 Prozent), Physikalisch-Rehabilitative-Medizin (-6 Prozent) sowie HNO-Heilkunde (-1 Prozent) auf.

Die Ursachen für die negative Honorarentwicklung der oben genannten Arztgruppen sind durch verschiedene, sich zum Teil gegenseitig verstärkende bzw. eliminierende Faktoren bedingt.

Zum einen wirkt sich die neue, mit der Honorarreform einhergehende Honorarverteilungssystematik aus. Arztgruppen mit einem hohen Anteil an Leistungen außerhalb der Regelversorgung, wie Urologie oder Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie, profitierten von der festen, arztgruppenunabhängigen Vergütung der freien Leistungen.

Demgegenüber sind Arztgruppen, deren Leistungen hauptsächlich im Regelleistungsvolumen enthalten sind, wie Radiologie oder HNO-Heilkunde, durch die neue Systematik nicht bessergestellt. Dieser Effekt wirkt sich insbesondere in den Fällen aus, in denen über die Arztgruppentöpfe der früheren Brandenburger Honorarverteilung ein historischer Vergütungsanteil gesichert wurde.

Als erschwerend erweist sich, dass durch die Vorgaben des Gesetzgebers der regionale Spielraum der Kassenärztlichen Vereinigungen gerade an dieser Stelle bedeutend eingeschränkt wurde.

Zum anderen hat die bundeseinheitliche Punktwertnivellierung zu einer Punktwertabsenkung in manchen Leistungsbereichen geführt. Dies wurde zum großen Teil durch die Höherbewertungen im EBM 2009 und/oder durch regionale Zuschläge zum Orientierungswert der Euro-Gebührenordnung aufgefangen. Jedoch wurde in einigen Bereichen, wie Akupunktur, die 2008 extrabudgetär mit höherem Punktwert vergütet wurden, keine vollständige Kompensation erzielt. Das Abweichen vom betriebswirtschaftlich kalkulierten Punktwert in Höhe von 5,11 Cent, speziell für Leistungen mit einem hohen Technikanteil, ist ebenso kritisch einzuschätzen.

Die Honorarentwicklung wird auch durch die Praxisstruktur beeinflusst. Praxen mit einem hohen Anteil an Ersatzkassenpatienten (zum Teil ehemals überdurchschnittliche Punktwerte) bzw. einem hohen Anteil an Primärkassenpatienten (zum Teil ehemals unterdurchschnittliche Punktwerte) werden durch die Einführung des bundeseinheitlichen Orientierungspunktwertes jetzt gleichgestellt - eine Auswirkung, die versorgungspolitisch durchaus sinnvoll ist.

Ähnlich haben strukturelle Veränderungen innerhalb einiger Arztgruppen einen scheinbaren Einfluss auf die Honorarentwicklung ausgeübt. So ist beispielsweise in der Gruppe der Physikalisch-Rehabilitativen-Medizin die Arztzahl seit dem III. Quartal 2008 kontinuierlich angestiegen. Betrachtet man alle niedergelassenen Ärzte dieser Arztgruppe (Einzelpraxen und fachgleiche BAG), dann sinkt das durchschnittliche Honorar 2009 im Vergleich zum Vorjahr um 6 Prozent. Vergleicht man die etablierten Praxen, die seit dem I. Quartal 2008 strukturell unverändert geblieben sind, ergibt sich dagegen eine Honorarsteigerung von 1,3 Prozent. Einen ähnlichen Effekt gibt es bei kleinen Arztgruppen wie Innere Medizin mit Schwerpunkt Endokrinologie, bei denen die durchschnittliche Honorarentwicklung stark ausreißeranfällig und daher nicht repräsentativ für die gesamte Arztgruppe ist.

Bei den Umsätzen der Augenärzte und Anästhesisten ist zu berücksichtigen, dass ab dem III. Quartal 2009 der zwischen der AOK Brandenburg und der Augenärztegenossenschaft Brandenburg e.G. geschlossene Selektivvertrag zur besonderen ambulanten ärztlichen Versorgung gem. § 73 c SGB V greift. Dies ist der Hauptgrund für den vermeintlich unterdurchschnittlichen Honorarzuwachs der Fachärzte für Augenheilkunde in 2009 gegenüber dem Vorjahr. Berücksichtigt man die Leistungen, die nunmehr über den Selektivvertrag mit der AOK abgerechnet wurden, standen der Arztgruppe schätzungsweise durchschnittlich rund 13 Prozent mehr Honorar im Rahmen der GKV zur Verfügung als 2008.

Jahresauswertung 2009
(Niedergelassene und angestellte Ärzte, ohne Dialysesachkosten, ohne Nachvergütungen)

ArztgruppeUmsatz (GKV) je ArztFallzahl je Arzt durchschnittlicher Umsatz je Fall (Fallwert)
Allgemeinmedizin/Praktische Ärzte/Fachärzte für Innere Medizin HA214 TEUR4.11952,02 EUR
Kinderheilkunde177 TEUR3.98944,35 EUR
Anästhesiologie200 TEUR1.750114,44 EUR
Augenheilkunde212 TEUR6.38333,19 EUR
Chirurgie (inkl. Neurochirurgie)205 TEUR3.72355,10 EUR
Frauenheilkunde195 TEUR4.60942,22 EUR
HNO-Heilkunde146 TEUR5.13928,44 EUR
Dermatologie159 TEUR6.87723,17 EUR
Innere Medizin (FA):   
Innere Medizin (FA) ohne nachfolgende Schwerpunkte208 TEUR4.10650,71 EUR
Schwerpunkt: Kardiologie/Angiologie316 TEUR5.03362,79 EUR
Schwerpunkt: Endokrinologie313 TEUR6.32149,81 EUR
Schwerpunkt: Gastroenterologie347 TEUR4.12484,25 EUR
Schwerpunkt: Hämatologie/Onkologie404 TEUR3.110129,95 EUR
Schwerpunkt: Nephrologie164 TEUR2.43867,14 EUR
Schwerpunkt: Pneumologie390 TEUR5.84266,78 EUR
KJP227 TEUR1.552146,13 EUR
MKG38 TEUR53471,88 EUR
Nervenärzte/Neurologen/Psychiater179 TEUR4.09643,80 EUR
Nuklearmedizin414 TEUR3.813108,07 EUR
Orthopädie196 TEUR5.81233,65 EUR
Radiologie ohne CT/MRT240 TEUR8.46728,30 EUR
Radiologie mit CT308 TEUR8.05038,33 EUR
Radiologie mit CT/MRT493 TEUR8.21560,26 EUR
Urologie260 TEUR6.79238,31 EUR
Phys.-Reha.-Med.136 TEUR2.87847,33 EUR
Gesamt Ärzte mit RLV213 TEUR4.51447,27 EUR
Gesamt Hausärzte210 TEUR4.10551,24 EUR
Gesamt Fachärzte mit RLV217 TEUR5.00543,36 EUR
Ärztl. Psychotherapeuten77 TEUR229335,43 EUR
Psych. Psychotherapeuten (inkl. KJPT)86 TEUR239359,28 EUR
Gesamt Psychotherapie84 TEUR236353,77 EUR


Die Honorarreform 2009 stellt einen nicht unerheblichen Schritt im Sinne der Angleichung der Honorare im Bundesgebiet dar. Von einer echten, am Bedarf der Patienten gemessenen Gleichbehandlung kann jedoch erst nach voller Berücksichtigung der Morbidität die Rede sein.

Nach den moderaten Steigerungen des Jahres 2010 sollte 2011 ein nächster Schritt in dieser Richtung vorgenommen werden. Die Beschlüsse des Erweiterten Bewertungsausschusses sehen für Brandenburg einen Steigerungssatz des Behandlungsbedarfs für die M-GV von 4,734 Prozent vor. Im Rahmen einer asymmetrischen Honorarverteilung auf Bundesebene kommt somit für Brandenburg die höchste Steigerungsrate zum Ansatz.

Im Gegenzug soll nach Maßgabe des GKV-Finanzierungsgesetzes die extrabudgetäre Gesamtvergütung (eGV) zum Teil (u.a. könnte hier das Ambulante Operieren betroffen sein) auf einen Steigerungssatz von 0,9 Prozent begrenzt werden. Die Brandenburger Krankenkassen haben im Rahmen der Verhandlungen zur Gesamtvergütung 2011 klargestellt, dass sie diese gesetzliche Budgetierung umsetzen wollen. Da es sich bei der eGV um medizinisch notwendige und zum großen Teil stationsersetzende Behandlungen handelt, die besonders förderungswürdig sind, hat die KVBB das Landesschiedsamt angerufen.

Der Begriff Honorar ist für einen Arzt in freiberuflicher Praxis nicht mit dem Gewinn / Ertrag der Praxis zu verwechseln. Die Honorarzahlen entsprechen vielmehr den im Rahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erzielten Umsätzen. Von diesen müssen im Weiteren die Betriebskosten (Personal, Miete, Investitionskosten für medizinische Technik usw.), Steuern, sowie Vorsorgeaufwendungen (z.B. Kranken- und Rentenversicherung, Haftpflichtversicherung) etc. abgezogen werden. Allein der Anteil der Betriebskosten liegt in der Regel zwischen 50 Prozent und 60 Prozent.

22.12.2010