Bedarfsplanung wird flexibilisiert

Bis zum 30. Juni dieses Jahres müssen neue Regelungen im Konsens mit den Kassen gefunden werden

Mehr Flexibilität und mehr Regionalität in der Bedarfsplanung - so lautet seit Jahren die Forderung insbesondere der KVen in den neuen Bundesländern. Jetzt soll sie umgesetzt werden, und dabei zeigt sich, dass dies alles andere als leicht werden wird und der Zeitplan ausgesprochen sportlich ist.

 

Der Reihe nach. Kurz vor Weihnachten 2012, am 20. Dezember, beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) entsprechend der gesetzlichen Vorgabe die Bedarfsplanungsrichtlinie, die am 31. Dezember 2012 im Bundesanzeigerveröffentlicht wurde. Jetzt haben in den Ländern die KVen und Krankenkassen diese Richtlinie anzuwenden und damit mögliche regionale Spielräume zu nutzen.

 

Was ist grundlegend neu an der Richtlinie? Ihr liegt gewissermaßen ein Vier-Ebenen-Modell zugrunde:

  1. Die hausärztliche Versorgungsebene, die künftig kleinräumig auf Mittelbereichen bewertet wird, von denen es in Brandenburg 46 gibt. Für sie sieht der G-BA-Beschluss übrigens eine bundesweit einheitliche Messzahl von 1.671 Einwohnern pro Hausarzt vor.
  2. Die allgemeine fachärztliche Versorgung, deren Planungsbereich wie bisher der Landkreis sein wird. Hierbei sind in Brandenburg je Landkreistyp vier unterschiedliche Verhältniszahlen je Arztgruppe vorgesehen (bislang sind es neun).Die allgemeine fachärztliche Versorgungsebene umfasst die Urologen, Augen-, Kinder-, HNO-, Frauen-, Haut- und Nervenärzte, Orthopäden, Chirurgen und Psychotherapeuten.
  3. Die spezialisierte fachärztliche Versorgung für die Fachinternisten, Anästhesisten, Radiologen sowie Kinder- und Jugendpsychiater. Bezugsbasis in Brandenburg sinddie fünf Raumordnungsregionen, in denen mehrere Landkreise zusammengefasst sind. Für alle fünf Regionen gibt es je Fachgruppe bundesweit eine einheitliche Messzahl.
  4. Die gesonderte fachärztliche Versorgung, die alle restlichen Fachgruppen umfasst (einschließlich Labor) und deren Bezugsregion das Land Brandenburg insgesamt ist.

 

Von dieser Grundstruktur kann abgewichen werden. Das betrifft sowohl die Bezugsregionen als auch die Messzahlen. Notwendig ist dafürder Konsens mit den Krankenkassen. Entsprechende Beratungen beginnen in den kommenden Tagen und müssen bis zum 30. Juni dieses Jahres abgeschlossen sein, damit der Bedarfsplan fristgerecht zum 1. Juli in Kraft treten kann.

 

Soweit die formalen Vorgaben. Ob und wenn ja, wie, mit diesem neuenInstrumentarium die Versorgung insbesondere in den ländlichen, dünn besiedelten Regionen auch in den kommenden zehn, fünfzehn Jahren auf hoher Qualität gesichert werden kann, hängt letztlich maßgeblich davon ab, wie es gelingt, den regionalen Besonderheiten mit der modifizierten Bedarfsplanung zu entsprechen.

 

Dabei dürfte generell die hausärztliche Versorgungsebene unstrittig sein. Schwieriger ist die Entscheidung, die Landkreise weiterhin als (Berechnungs) Basis für die allgemeine fachärztliche Versorgung zu belassen.

 

Denn genau das ist eines unserer gravierendsten Probleme; die Verteilung beispielsweise von sechs Augenärzten auf einen Landkreis, und zwar so, dass alle örtlichen Regionen möglichst gleichmäßig versorgt sind.

 

Hier wäre durchaus vorstellbar, die fachärztlichen Grundversorger wie Augen-, Frauen- und Kinderärzte analog der Hausärzte zu bewerten; also auf Mittelbereichsbasis. Möglich wäre ebenfalls, weitere Fachgruppen dieser kleinräumigeren Betrachtung zuzuordnen.

 

Mit anderen Worten, jetzt sind die Spezialisten gefordert. Denn bei dieser so entscheidenden Frage kann es nicht um gefühlte Versorgung, um Wunschdenken gehen, sondern es müssen belastbare Daten und Zahlen für eine Beurteilung herangezogen werden. Demographie, Morbidität, Pendlereffekte, Bevölkerungsentwicklungsprognosen, der Status quo der ärztlichen Präsenz und nicht zuletzt die Frage, wie denn die infrastrukturelle Entwicklung in Zukunft vonstattengehen soll.

 

Denn eines ist ja seit mehreren Jahren sichtbar: Für die Entscheidung junger Ärzte, wo sie einmal tätig werden wollen, spielen immer häufiger die sogenannten weichen Faktoren eine Rolle. Also: Plätze in Kindereinrichtungen, Arbeitsplätze für den Partner, Wegezeiten zu kulturellen und sportiven Einrichtungen usw..

 

Andererseits muss man aber sehr aufpassen, die Bedarfsplanung nicht zu kleinräumig zu stricken. Die Folge wäre ein zahlenmäßig exorbitant hoch ausgewiesener Bedarf, der in keiner Weise befriedigt werden kann und so definitiv auch nicht notwendig ist. Deshalb kommt es darauf an, alle Abweichungen von der Bedarfsplanungsrichtlinie sehr genau zu begründen und diese dann offensiv zu kommunizieren.

 

Denn bereits heute gibt es eine Reihe von Politikern, die meinen und dies auch schon „verkünden“, dass mit der Umsetzung der Richtlinie tausende neue Arztstellen geschaffen würden. Hier wird ein unrealistischer Bedarf suggeriert. Nach wie vor gilt der Grundsatz des SGB V, dass ambulante medizinische Versorgung angemessen, ausreichend und wirtschaftlich erfolgen muss. Es geht also nicht um „Wünsch Dir was“, sondern um das notwendige Machbare.

 

 

19.02.2013