Die Praxen müssen es wieder retten!

Vertreterversammlung der KV Brandenburg

Im Zeichen der beiden großen Krisen unserer Zeit, der Krieg in der Ukraine und die Corona-Pandemie, standen viele der Diskussionen der Sitzung der Vertreterversammlung (VV) der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) am 11. März im Haus der Brandenburgischen Ärzteschaft in Potsdam. Zu beiden Themen verabschiedete die VV jeweils einstimmig eine Resolution (siehe ab Seite 9): Der Krieg wurde aufs Schärfste verurteilt, und die Vertreter kündigten an, den aus der Ukraine flüchtenden Menschen unbürokratisch zu helfen. Um die Leistung und das Engagement der Praxisteams wertzuschätzen, forderte die VV einen staatlichen Corona-Bonus.

 

Zu Beginn seines Berichts zur aktuellen Lage erläuterte MUDr./ČS Peter Noack, Vorstandsvorsitzender der KVBB, der VV den aktuellen Sachstand zur Pandemie und der Impfkampagne. Nach Analysen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung wurden in der zweiten Pandemiewelle 92 Prozent der COVID-19-Patienten vertragsärztlich versorgt. „Wir Niedergelassenen sind der Wellenbrecher für die Kliniken“, sagte der KVBB-Chef.

 

„Und auch in der Impfkampagne stehen die Praxen an der Spitze“, so MUDr./ČS Noack weiter. „In Impfzentren und kommunalen Impfstellen wird nur noch in Nuancen geimpft. In den Apotheken gab es in der vergangenen Woche landesweit nur sechs Impfungen. Ich habe daher überhaupt kein Verständnis dafür, dass diese teuren und überflüssigen Strukturen aufrechterhalten werden.“ Exemplarisch verwies er auf den Novavax-Impfstoff, der erst ab Mitte März von den Praxen bestellt werden kann. „In den Impfzentren wollte niemand den Impfstoff haben – und jetzt müssen die Praxen es wieder retten!“ Für diese Einschätzung erhielt er viel Zustimmung aus der VV.

 

In der Corona-Pandemie sei die politische Bedeutung der KVBB weiter gewachsen. „Neben regelmäßigen Gesprächen mit Landes- und Bundestagsabgeordneten haben wir eine Menge Arbeit in unsere politische Öffentlichkeitsarbeit investiert. Allein im vergangenen Jahr gab es 28 eigene und 44 gemeinsame Pressemitteilungen, die wir vor allem mit dem Gesundheits- bzw. dem Innenministerium veröffentlicht haben. Dazu kamen unzählige Statements in TV und Radio,“ so MUDr./ČS Noack. „Wir werden von Medien und Politik als zentraler Akteur der Gesundheitsversorgung wahrgenommen und befragt und erreichen eine breite Öffentlichkeit.“

 

Darüber hinaus ging der KVBB-Vorsitzende auch auf Honorarthemen ein. Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) wurde bereits 2019 beschlossen, dass bestimmte Leistungen extrabudgetär zusätzlich vergütet werden. „Da ist viel Dynamik drin, die wir unbedingt mitnehmen müssen. Neupatienten, aber auch Fälle, die von der Terminservicestelle und den Hausärzten vermittelt werden, oder Patienten, die in die offene Sprechstunde kommen, müssen als TSVG-Fälle gekennzeichnet werden.“

 

Sicherstellung

Mit der Sicherstellung der ambulanten Versorgung sprach Dipl.-Med. Andreas Schwark, Vorstand der KVBB, ein anderes zentrales Thema der Körperschaft an. „In einigen Regionen und Fachrichtungen haben wir aktuell wirklich Probleme, Ärzte für Praxisübernahmen oder neue Niederlassungen zu gewinnen.“ Beispielhaft nannte er die hausärztliche Versorgung in den Spreewald-Städten Lübben, Lübbenau und Luckau. Die Situation erfährt auch medial derzeit viel Aufmerksamkeit. „Wir müssen uns fragen: Kommen wir unserem gesetzlichen Auftrag, dem Sicherstellungsauftrag, noch erfolgreich nach?“ Über diese zentrale Frage wird der Vorstand mit der VV auf einer Klausursitzung im Juni intensiv diskutieren.

 

Am Thema Corona kam auch Herr Schwark in seinem Bericht nicht vorbei. Er zeigte der VV eindrucksvolle Zahlen zur Abrechnung von Testzentren und deren Prüfung, zu denen die KVBB durch die Testverordnung verpflichtet ist. „Allein im Januar wurden Zahlungen an externe Leistungserbringer in Höhe von über 45,5 Millionen Euro ausgelöst. Ohne die vielen hoch engagierten und motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der KV-Verwaltung wäre das nicht möglich. Denn diese Aufgabe zählt nicht zu unserem eigentlichen Geschäft, sondern wird zusätzlich erledigt.“

 

Digitalisierung

Holger Rostek, Vorstand der KVBB, erläuterte der VV den Sachstand der aktuellen bundesweiten Digitalisierungsprojekte elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und eRezept. Im Vorfeld der Sitzung hatten widersprüchliche Aussagen für Verwirrung gesorgt. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte in einer öffentlichen Gesprächsrunde der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gesagt, dass er beide Projekte gestoppt habe. Die gematik stellte diese Äußerung jedoch als Missverständnis dar. „Der Fachpresse habe ich dann entnommen, dass die Testphasen zur eAU und dem eRezept weiter laufen. Wir werden Sie über unsere Website auf dem Laufenden halten“, so Herr Rostek.

 

Für eine Mischung aus Belustigung und Entsetzen sorgten seine Ausführungen zu Systemabstürzen in den Praxen, die durch einige neue elektronische Gesundheitskarten (eGK) verursacht werden. „Vermutlich führen neue Karten mit einem bestimmten Kunststoffgemisch zu einer statischen Aufladung – und dann im schlimmsten Fall zum völligen Ausfall der Praxis-IT.“ Der erste Hersteller habe zur Lösung ab April bereits einen Adapter im Angebot, zum Preis von 26,06 Euro. „Es kann nicht sein, dass Sie sich selbst darum kümmern und auch die Finanzierung übernehmen müssen. Dieser Adapter muss unaufgefordert und kostenlos an die betroffenen Praxen geliefert werden. Arztpraxen dürfen kein Testlabor sein. Wir fordern daher vehement, dass nur funktionierende und technisch ausgereifte TI-Komponenten in die Praxen kommen.“

 

 

 

21.03.2022