Die Reise geht zur ambulanten Versorgung

KVBB-Vertreterversammlung diskutierte in Klausur Ambulantisierungund Digitalisierung

Dreifach-Premiere für die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) am 2. Oktober: Erstmals sprachen Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher, die Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost, Daniela Teichert, und Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vor den Mitgliedern des KVBB-Ärzteparlaments.

 

Die drei waren im Rahmen der Klausurtagung der Vertreterversammlung nach Potsdam eingeladen, um mit den Vertretern über die Themen Ambulantisierung und Digitalisierung zu diskutieren. Und auch die Corona-Pandemie stand im Fokus, wenn auch nicht auf der Tagesordnung.

 

Foto: Gesundheitsministerin Ursula NonnemacherGesundheitsministerin Nonnemacher nutzte das Podium zunächst, um den ambulant tätigen Ärzten und Psychotherapeuten sowohl persönlich als auch im Namen der Landesregierung für das große Engagement in der bisherigen Bewältigung der Corona-Pandemie zu danken. Der ambulante Bereich habe Großartiges geleistet. Allerdings, und auch das habe die Pandemie gezeigt, könne die Krise nur gemeinsam gemeistert werden, indem Niedergelassene, Kliniken und Öffentlicher Gesundheitsdienst Hand in Hand arbeiteten.

 

„Flaggschiff“ Templin braucht solide Finanzierung
Die intersektorale Zusammenarbeit sei die Zukunft der medizinischen Versorgung in Brandenburg, betonte die Ministerin. Und die KVBB sei dafür bereits auf einem sehr guten Weg. Als Beispiele nannte sie die ärztlichen Bereitschaftspraxen an Krankenhäusern sowie das „Flaggschiff“ Strukturmigration Templin. Die große Herausforderung in Templin sei es nun, dass Modellprojekt in die Regelversorgung zu überführen. Dafür brauche es belastbare Abrechnungsstrukturen und entsprechende Vorgaben von der Bundesebene, so Frau Nonnemacher.

 

Foto: KBV-Chef Dr. Andreas GassenLob für das noch bis Jahresende aus dem Innovationsfonds geförderte Projekt in der Uckermark brachte auch der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Gassen mit: „Sie sind mit Ihrem Ambulant Stationären Zentrum in Templin deutlich weiter als viele andere Bundesländer.“ Die Reise gehe zur ambulanten Versorgung. Die Corona-Pandemie habe die Schwächen kleinerer Krankenhäuser aufgezeigt und werde mittelfristig die Diskussion über die Klinik-Standorte befeuern.

 

Zum Thema Digitalisierung waren sich alle drei Referenten einig, dass darin die Zukunft im Gesundheitswesen liegt. Gerade in ländlichen Regionen könne Telemedizin helfen, die medizinische Versorgung der Menschen zu sichern, sagte Frau Nonnemacher. Die Landesregierung unterstütze dies intensiv. KBV-Chef Gassen betonte, dass digitale Anwendungen auf Dauer einen Mehrwert für die Praxen bringen müssten, um die Akzeptanz unter den Niedergelassenen zu fördern. Und die AOKVorstandsvorsitzende Frau Teichert mahnte, dass Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht zum Selbstzweck stattfinden dürfe, sondern in die Versorgungskette integrierbar sein müsse.

 

Corona: Wertschätzung fehlt
In der anschließenden Diskussion brannten den Vertretern ganz verschiedene Themen unter den Nägeln. Die mangelnde Wertschätzung des ambulanten Bereichs während der Corona-Pandemie stand jedoch für alle, die sich zu Wort meldeten, ganz oben an.

 

Sie bedauere, dass die ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten die Wertschätzung vermissten, entgegnete die so „gescholtene“ Ministerin. Deswegen sage sie es gerne noch einmal: Dank des sehr guten und leistungsfähigen ambulanten Sektors sei Deutschland bisher vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen.

 

Mit Maske und Abstand: Gespräche zu Corona-ZeitenForderungen nach zusätzlichem Geld wegen der Corona-Pandemie, wie es Kliniken und der öffentliche Gesundheitsdienst erhalten, wies die Ministerin zurück. Die Finanzierung des ambulanten Sektors obliege der Selbstverwaltung und sei nicht Aufgabe der Landesregierung. Mit Blick auf die Corona-Prämie, die Pflegekräfte bekommen sollen, sprach Frau Nonnemacher von einer vergifteten Diskussion. Sie sei gut gemeint, führe aber inzwischen zu immer mehr Auseinandersetzung und Streit darüber, wer sie bekommt und wer nicht.

 

Corona-Kritik bekam auch KBV-Chef Gassen mit. Dr. Johannes Becker monierte die vielen verschiedenen Test-Anlässe, für die es jedes Mal ein anderes Formular bedürfe. Das sei ein Hindernis für viele Praxen, die Kollegen fühlten sich damit allein gelassen. Die Kritik sei nachvollziehbar und berechtigt, so Dr. Gassen. Allerdings seien diese Regelungen „nicht auf unserem Mist gewachsen“.

 

Zwei Dinge gaben die Vertreter schließlich der Ministerin, dem obersten Kassenarzt und der Kassen-Chefin in punkto Ambulantisierung respektive Digitalisierung mit auf den Weg: Wenn die Ambulantisierung gewünscht und vorangetrieben werde, müsse das Geld auch der Leistung folgen. Im Zuge der Digitalisierung müsse mehr auf die Sinnhaftigkeit digitaler Anwendungen geachtet werden. Auch dürfe die Versorgung älterer Patienten und all derer, die weniger technik-affin sind, dabei nicht auf der Strecke bleiben.

 

Engagierte Diskussion in Klausur
In geschlossener Runde diskutierte die Vertreterversammlung anschließend die einzelnen Themen. In punkto Ambulantisierung waren sich die Vertreter einig, dass die Verzahnung von ambulant und stationär für die künftige medizinische Versorgung der Brandenburger insbesondere in den ländlichen Regionen notwendig sein wird. Wichtig sei, dass sich die KVBB von Anfang an aktiv in diesen Prozess einbringe und ihn mitgestalte.

 

Bei der Förderung des medizinischen Nachwuchses durch die KVBB sprachen sich die Vertreter dafür aus, künftig den Schwerpunkt auf Ärzte in Weiterbildung und junge Fachärzte zu legen. Mit welchen Maßnahmen junge Kollegen für Brandenburg begeistert werden können, soll eine Arbeitsgruppe erarbeiten.

 

Nach dem Willen der Vertreterversammlung sollen zudem künftig nicht mehr nur neue Ärzte, die in einer unterversorgten Region tätig werden, finanziell gefördert, sondern auch bereits tätige Kollegen unterstützt werden. Denkbar seien dafür zum Beispiel die Aufhebung der Fallzahlzuwachsbegrenzung oder ein „Landarztzuschlag“ auf alle Leistungen in unterversorgten Regionen.

 

Damit die Digitalisierung von den Kollegen akzeptiert werde, soll sich die KVBB für sinnvolle Anwendungen einsetzen, die im Praxisalltag tatsächlich einen Mehrwert bringen. Ärzte, die in den nächsten ein bis zwei Jahren in den Ruhestand gehen, sollten nicht mehr gezwungen werden, in neue Technik zu investieren, um die Praxis an die Telematikinfrastruktur anzuschließen. Für diese Kollegen brauche es Übergangsregelungen.

 

 

 

14.10.2020