Mehr Wertschätzung gefordert

KVBB-Vertreterversammlung diskutiert Corona-Situation / Kritik an Politik und Krankenkassen

Konzentrierte Sacharbeit – so lässt sich die Vertreterversammlung (VV) der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) am 16. September 2020 am besten beschreiben. Die gewählten Vertreter waren in das Haus der Brandenburgischen Ärzteschaft nach Potsdam gekommen, um unter strengen Hygieneregeln unter anderem über den Umgang mit der Corona-Pandemie, den Roll-out der Bereitschaftsdienstpraxen innerhalb des Bereitschafts-dienstkonzeptes BD 4.0 und die IT-Sicherheit in den Arztpraxen zu diskutieren.

 

MUDr./ČS Peter Noack, Vorstandsvorsitzender der KVBB, beleuchtete das Thema und den Umgang mit der Pandemie von ganz unterschiedlichen Seiten. Zum einen erläuterte er die verschiedenen Zugangswege für Bürger zu den Corona-Testungen. Das KV-System sei hier sehr an einer Vereinheitlichung – und somit einer bürokratischen Entlastung der Arztpraxen – interessiert, so der KVBB-Chef. Vertraglich ließe sich dies jedoch nicht anders regeln.

 

Zum anderen ging MUDr./ČS Noack auf die Finanzierung der hohen Corona-Kosten ein, die bei der KVBB anfallen. Nach § 105 Abs. 3 SGB V sind die Krankenkassen verpflichtet, die zusätzlichen Kosten für außerordentliche Maßnahmen während der Pandemie zu über-nehmen. Die KVBB habe daher die Ausgaben, etwa für die Beschaffung von persönlicher Schutzausrüstung oder den Betrieb von Abklärungsstellen, den Kassen in Rechnung gestellt. Eine vollständige Zahlung sei aber bisher ausgeblieben, auch gebe es keine Finanzierungs-zusage zu den offenen Rechnungen. „Diesen Zustand nehmen wir nicht länger hin“, so MUDr./ČS Noack. „Daher haben wir beim Gesundheitsministerium Druck gemacht. Es soll nun ein gemeinsames Spitzengespräch geben. Denn wir brauchen dringend Klarheit, wer an welcher Stelle was finanziert.“

 

Verärgert zeigte sich der KVBB-Vorstandsvorsitzende über die Ignoranz der Politik gegenüber dem großen Engagement und den vielfältigen Leistungen der ambulant tätigen Kolleginnen und Kollegen sowie des KV-Systems in der Pandemie-Bekämpfung. In Vorbereitung der Gesundheitsministerkonferenz Anfang Oktober heißt es in einem Beschlusspapier, dass die Länder die notwendigen Kriterien sowie verbindliche Verfahren zur Praxisorganisation für COVID-Schwerpunktpraxen festlegen. Außerdem wird in dem Papier ausschließlich das erfolgreiche Krisenmanagement des Öffentlichen Gesundheitsdienstes gelobt. „Unser Versorgungskonzept und alles, was wir machen, wird in der Politik nicht wahrgenommen.


Die Beschlussvorlage zeigt eine eklatante Einmischung in die Souveränität unserer Praxen und unserer Selbstverwaltung. Das ist ein weiterer Schritt hin zur Staatsmedizin.“

 

Bereitschaftsdienst

Dipl.-Med. Andreas Schwark, stellvertretender KVBB-Vorsitzender, erläuterte der VV unter anderem den aktuellen Stand des Roll-outs der ärztlichen Bereitschaftspraxen. Von den geplanten Standorten seien 17 bereits erfolgreich realisiert. Der Start der 18. Praxis sei für November in Nauen avisiert. Damit sind dann die Teilprojekte BD-Praxis und Einsatzarzt innerhalb des Bereitschaftsdienstkonzeptes BD 4.0 umgesetzt.

 

Die Auswertung des Versorgungsgeschehens in den bestehenden Praxen zeige, wie gut das Konzept funktioniere. „Die Koordinierung der Patienten über die 116117 klappt sehr gut. Und gerade an den Standorten, an denen die Bereitschaftspraxen direkt neben den Rettungs-stellen sind, werden viele vermeintliche Notfälle von uns ambulant übernommen“, so
Herr Schwark. Darüber hinaus verwies er auf die neue Dienstplanungssoftware BD-Online,
die die bisherige händische Dienstplanung abgelöst hat (siehe „KV-Intern“ 9/2020, Seite 18).

 

Digitalisierung

„Nächstes Jahr werden die eAU und das eRezept endgültig in den Praxen ankommen“, sagte Holger Rostek, stellvertretender KVBB-Vorsitzender, in seinem Vortrag. Er ging in der Folge vor allem auf die steigenden Sicherheitsanforderungen ein, die die Digitalisierung mit sich bringt. Es gehe nicht mehr nur um die Frage, ob der Konnektor sicher sei, sondern das Sicherheitsniveau der gesamten Praxis werde ein ganz anderes sein. „Das bedeutet für Sie einen zusätzlichen hohen Aufwand. Die Arbeitszeit, die Sie in IT-Sicherheit investieren, muss bezahlt werden.“

 

Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der KV Westfalen-Lippe kalkuliert die KVBB aktuell die IT-Sicherheits-Kosten für Praxen unterschiedlicher Größe. Dazu sagte Herr Rostek: „Für die nächsten Jahren benötigen wir sicher zwei Mrd. Euro für den Strukturwandel der Digitalisierung in der ambulanten Medizin. Aber die Digitalisierung hört ja nicht auf. Daher muss es unbedingt eine kontinuierliche Erstattung für die Aufwendungen der Praxen geben.“     

 

 

 

22.09.2020