Verteidigung braucht Hand und Fuß – und Stimme

Ausgebuchtes Anti-Gewalt-Seminar bei der KV Brandenburg

Gute Verteidigung beginnt mit einem sicheren Stand: stabile Schrittstellung, die Arme im 120-Grad-Winkel nach vorne heben, so dass die Hände in Höhe des Gesichts sind, Handflächen nach außen drehen, Körperspannung. „So wird der Körper zum Stoppschild“, weiß Christian Henke.

 

Gute Verteidigung beginnt deshalb auch mit dem richtigen Schuhwerk, ergänzt Olaf Schmelzer. Clogs oder Latschen seien ungeeignet. Darin habe man keinen Halt, rutsche raus und könne nicht rennen. „Tragen Sie am besten Turnschuhe in der Praxis“, rät er.

 

Nun wird es ernst. Die 23 Ärzte und Praxismitarbeiter, die an diesem schwülen Juni-Tag zum Anti-Gewalt-Seminar in die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) gekommen sind, stellen sich im Kreis auf und gehen in die Schutzhaltung. Henke und Schmelzer bauen sich reihum vor ihnen auf, korrigieren bei dem einen die Fußstellung, bei der anderen die Arme. Und dann holen sie aus zur angedeuteten Ohrfeige oder dem Kinnhaken. „Bäng“ blockt die offene Handfläche die Faust des Angreifers. Die Ohrfeige wird mit dem gehobenen Unterarm pariert. Gesicht und Kopf sind optimal geschützt.

 

Es sind reflexartige, natürliche Abwehrbewegungen. Einfach, schnell erlernbar, aber effektiv, sollte ein Patient in der Praxis gewalttätig werden, erklärt Henke. Und sie funktionieren sowohl für die Männer in der Runde als auch die Frauen, die teils deutlich kleiner und leichter als ihre beiden durchtrainierten Gegenüber sind.

 

Doch soweit soll es gar nicht erst kommen. Deeskalation, Selbstschutz und Selbstverteidigung – darum geht es in diesem Seminar. Bereits im vergangenen Jahr hatte die KVBB beim Märkischen Praxistag Workshops zu diesen Themen angeboten – mit großem Erfolg. Nicht zuletzt deshalb wurden sie in das diesjährige KVBB Fortbildungsprogramm aufgenommen.

 

Mit Henke und Schmelzer hat der KVBB-Fortbildungsbereich zwei ausgewiesene Fachleute als Referenten gewonnen. Polizeihauptkommissar, Personenschützer, Polizeitrainer für einsatzbezogene Selbstverteidigung, Personal Trainer für Nahkampf und Selbstverteidigung der eine, Krankenpfleger, Sport- und Freizeittherapeut in der Akutpsychiatrie, Deeskalationstrainer und Mediator der andere.

 

Trauriger Alltag

Pöbeleien, Aggression und Gewalt machen auch vor den Menschen nicht Halt, deren Job es ist, zu helfen. Auch die Seminar-Teilnehmer haben in ihren Praxen schon ähnlich Erfahrungen gemacht. Fast alle berichten von verbaler Gewalt: Beschimpfungen und Beleidigungen – weil es nicht schnell genug geht, weil man zu lange auf einen Termin warten muss, weil ein bestimmtes Medikament nicht verschrieben wird. Doch es geht noch schlimmer. Da wurde in einer Praxis mit dem Messer gedroht, in einer anderen der Doktor von einem Patienten geschlagen und getreten. Trauriger Alltag, auch in Brandenburg.

 

Pro Arbeitstag kommt es in deutschen Arztpraxen 75 Mal zu körperlicher Gewalt. Das geht aus dem diesjährigen Ärztemonitor von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und NAV-Virchow-Bund hervor. Jeder vierte an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmende Arzt hat demnach in seinem Berufsleben schon Erfahrung mit körperlicher Gewalt durch Patienten gemacht. Deutlich höher sind die Vorkommnisse verbaler Gewalt. Mit bundesweit 2.870 Fällen täglich haben sie vier von zehn Ärzten schon erlebt.

 

Warnsignale erkennen

Für Übungszwecke stellt Schmelzer mit den Teilnehmern zwei Situationen nach. Szene eins: Eine Ärztin im Bereitschaftsdienst muss raus zum nächtlichen Hausbesuch. Ein Sohn rief an für seine bettlägerige krebskranke Mutter, der es nicht gut gehe. Als die Ärztin in der Wohnung ist, stellt sich heraus, dass es keine kranke Mutter gibt. Szene zwei: Ein aufgebrachter Patient schreit die Mitarbeiterin an der Anmeldung zusammen.

 

Schritt für Schritt analysiert Schmelzer mit den Teilnehmern die Rollenspiele. Was können Ursachen des aggressiven Verhaltens gewesen sein? Welche Anzeichen gab es, dass die Situation eskaliert? Wie passe ich mein Verhalten an und handele entsprechend? Der Deeskalationstrainer rät, sich für derartige Situationen mit dem gesamten Praxisteam eine Checkliste zu erarbeiten, die genau diese Punkte enthält.

 

Auf das eigene Auftreten, die angemessene Körpersprache und die Stimme kommt es nun an. Auf den aufgebrachten Patienten zugehen, beschwichtigend einreden: „Damit ich Ihnen helfen kann, möchte ich, dass Sie leiser sprechen.“ oder „Ich verstehe Sie, aber verstehen Sie mich auch.“ Empathie sei da gefragt, weiß Schmelzer, Verbindlichkeit und Freundlichkeit. Denn: Die Hemmschwelle ist höher, jemanden zu schlagen, der einem freundlich begegnet.

 

Selbstverteidigungs-Experte Henke rät zudem, auch die Praxiseinrichtung einem Sicherheits-Check zu unterziehen: Die große Vase am Empfang sieht hübsch aus, eignet sich aber auch als Wurfgeschoss. Werden spitze oder scharfe medizinische Geräte außerhalb der Reichweite von Patienten gelagert? Auch die Schere im Stifthalter auf dem Schreibtisch könne zur Waffe werden.

 

Wenn es trotzdem eskaliert, stehen die eigene körperliche Sicherheit und Unversehrtheit an oberster Stelle. „Wehren Sie sich mit allem was Sie haben. Aber spielen Sie nicht den Helden“, warnen beide Moderatoren eindringlich. „Rufen Sie die Polizei.“

18.07.2018