116 117 – ein tolles Produkt mit hohem Imagegewinn!

Aktuell im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Vorstandes der KV Brandenburg, Dr. med. Hans-Joachim Helming

Was lange währt, wird gut: In wenigen Tagen ist der ärztliche Bereitschaftsdienst bundesweit über eine einheitliche, leicht zu merkende Rufnummer zu erreichen: die 116 117.

Zeit ist relativ! Gemessen an den „Prophezeiungen“ der Lobbyisten in Brüssel, so ein Vorhaben „stemme man nicht unter sieben bis acht Jahren“, sind vier Jahre von 2005 bis 2009 von der Idee bis zum Beschluss der EU-Kommission ungewöhnlich kurz! Dass es dann noch zwei Jahre dauerte, diese Rufnummer in Deutschland „anrufbar“ zu machen, hat was mit Ausschreibungen und technischen Umsetzungsaspekten zu tun.

Diese Rufnummer ist ja ein Stück weit Ihr Kind, und die Geburt war ein hartes Stück Arbeit …


Gewiss, als ich die Idee hatte, in Deutschland eine einheitliche Rufnummer für den Bereitschaftsdienst zu organisieren – und dabei die damals in der DDR existente 115 für den DHD im Sinn hatte – hatte ich keine Vorstellung von den dann damit verbundenen Herausforderungen. 

Hätten Sie dann die Finger davon gelassen?

Möglicherweise. Als ich dann aber spürte, dass der Funke beispielsweise auf meine Mitstreiter wie Frau Lehmann-Spalleck aus unserer Marketingabteilung mit „Brüssel-Erfahrung“, aber auch bei unserem Lobbyisten dort vor Ort übersprang, dass ein Mitgliedsland nach dem anderen die Unterstützung signalisierte, war die Motivation immer wieder stark. Und irgendwie wurde man aber auch immer wieder „angetrieben“, wenn die Unterstützung des Auswärtigen Amtes und des BMG neue „Türen öffnete“, und spürte, dass man auf dem richtigen Weg war.


Bevor wir auf einige wichtige und entscheidende Details eingehen – sind Sie zufrieden, wenn jetzt ab dem 1. März der Startschuss erfolgt?


Natürlich ist es ein gutes Gefühl, so ein Projekt abschließen zu können – zumindest in einem wesentlichen ersten Teil. Wenn ab März in Deutschland die 116 117 verfügbar ist und man über diesen Ruf den jeweils in der Region zuständigen Bereitschaftsdienstarzt erreicht, dann hat sich die Arbeit aller, die daran mitgewirkt haben, wirklich gelohnt! Die „Beschaffung“ der Rufnummer, die Reservierung für diesen sozialen Dienst in ganz Europa – das war das Eine. Danach begann die Herkulesaufgabe, diese „Steilvorlage“ in Deutschland in ein Tor zu verwandeln. Allen, die höchst engagiert und kompetent daran mitgewirkt haben, sei an dieser Stelle ein riesengroßer Dank ausgesprochen! Und man muss eines klar sagen: Hätte der KBV-Vorsitzende, Dr. Köhler, nicht erkannt, welch einmalig großes Potential für das System der ärztlichen Selbstverwaltung in der 116 117 steckt – wir hätten diese Rufnummer heute definitiv nicht deutschlandweit verfügbar!

Wir sprechen immer von bundesweiter Einführung; aber eigentlich ist es eine europaweite Rufnummer.

Genau deswegen „Projektabschluss im ersten wesentlichen Teil“. Die 116 117 ist von der EU-Kommission für ganz Europa reserviert worden. Das heißt, schrittweise soll sie genau wie die 112 für die Rettungssysteme der Mitgliedsländer in Europa eingeführt werden. 

Gibt es dazu Bereitschaft?

Ich bin derzeit in engen Kontakten mit Österreich und Schweden, weil dort die Voraussetzungen für eine Umsetzung technisch eher einfach sind; aber auch andere EU-Länder werden diesem Beispiel folgen. Nur ist dort noch sehr viel „Aufklärungsarbeit“ zu leisten.

Inwiefern?

In meinen damaligen Gesprächen in Brüssel hörte ich immer wieder die Bedenken heraus, dass die Länder vermuteten, ihre Versorgungssysteme sollten harmonisiert werden, wenn diese Rufnummer für den sozialen Dienst etabliert wird. Dass dem überhaupt nicht so ist, war immer wieder eine positive Erfahrung – nur muss diese in den jeweiligen Ländern in viele Köpfe transportiert werden. Das ist natürlich nicht schnell und nicht mal im Vorbeigehen zu schaffen.


Sie erwähnten die Rolle der KBV in der deutschlandweiten Einführung der 116 117.

Nachdem die EU-Kommission die 116 117 den Mitgliedsländern zweckgebunden zur Verfügung gestellt hatte, musste in Deutschland die hierfür zuständige Bundesnetzagentur per Ausschreibung denjenigen ermitteln, der in der Lage ist, die Umsetzung gemäß den strengen EU-Vorgaben zu gewährleisten. Diese Ausschreibung hat die KBV gewonnen. Voraussetzung war übrigens, dass Dr. Köhler die dafür notwendigen Strukturen in der KBV geschaffen hat und sich die Mitarbeiter dort sehr engagiert haben.

Mitte 2010 sah es so aus, als könne das Projekt Anfang 2011 starten. Jetzt ist es der 1. März 2012.

In unserem föderalen System der 17 KVen sind die Bereitschaftsdienste sehr unterschiedlich organisiert – auch ein Grund für den „Nummern-Zoo“ der Erreichbarkeit. Hier für eine bundeseinheitliche „Eingangspforte“ in die weiterhin der Organisationshoheit der Länder-KVen unterliegenden Bereitschaftsdienste zu schaffen, entzieht sich der Kompetenz einer Landes-KV. Selbst die KBV hat hier mit dem Versorgungsstrukturgesetz jetzt erst die gesetzliche Legitimation für entsprechende Richtlinienkompetenz erhalten müssen.


Ändert sich mit der Einführung der 116 117 eigentlich etwas für die Ärzte und Patienten in Brandenburg?


Nein! Das kann nicht oft genug betont werden. Die 116 117 ermöglicht einzig und allein den unkomplizierten telefonischen Zugang zu dem Bereitschaftsdienst – egal wie der jeweils organisiert ist. Da wir in Brandenburg ja schon seit vielen Jahren eine einheitliche Rufnummer – allerdings einen Dinosaurier mit unterschiedlichen Schwanzenden – haben, wird hier im „intelligenten IT-System“ nur die neue Nummer bekannt gemacht. Dann können die Patienten mit dieser Nummer den Bereitschaftsdienst anrufen; ab da ist dann alles wie bisher, und sie werden technisch zum jeweilig zuständigen BD-Arzt weitergeleitet.

Und in den anderen Bundesländern?

Auch hier gilt, dass strukturell alles so bleiben kann, wie es sich bislang bewährt hat – aber auch Anlass sein kann, notwendige Reformen der Dienststrukturierung umzusetzen. Dies gilt insbesondere in Baden-Württemberg, wo bislang in vielen Teilen des Landes überhaupt keine Struktur existierte. In Bayern, Berlin und Schleswig-Holstein läuft die 116 117 in die dort bestehenden Call-Center, und in anderen Ländern ist es ähnlich wie bei uns.


Die Vorteile liegen klar auf der Hand: einfach, leicht zu merken, kostenfrei. Hinter vorgehaltener Hand hört man von einigen Ihrer Kollegen, dass damit die Zahl derer, die anruft, rasant ansteigen wird. Was sagen Sie dazu?

Das ist unbegründet! Den Bereitschaftsdienst ruft man ja auch heute nicht aus Jux und Dollerei an. Wenn wir davon ausgehen, dass Kostenfreiheit den Explorer-Trieb im Menschen auslöst – dann müssten alle Flatrate-Nutzer im Fest- und Mobilnetz ja jetzt schon nur noch Dauergespräche mit dem Bereitschaftsdienst führen. Glücklicherweise haben wir in den letzten Jahren überhaupt nichts dergleichen registriert! Es ist also - nochmals – völlig unbegründet!

Noch ein Wort bitte zu den zu erwartenden Kosten: Womit kalkulieren Sie, und sollten sich die Krankenkassen daran nicht auch beteiligen?


Wir haben in den zurückliegenden Jahren mit unserer 0180er Rufnummer sehr stabile Daten der Inanspruchnahme ermitteln können. Diese und die Daten aus anderen KVen lassen sehr gute Hochrechnungen über die Verteilung von Festnetz- und Mobilfunkanrufen zu. Es ist relativ einfach und damit nicht teuer, einen Ruf aus dem Festnetz weiterzuleiten. 

Aber?

Problematisch war es bisher, einen Anrufer aus dem Mobilfunknetz „zu orten“ und an den richtigen Arzt weiterzuleiten. Deswegen habe ich, nachdem die KBV den Zuschlag der Bundesnetzagentur erhalten hatte, über das Innenministerium und den Patientenbeauftragten der Bundesregierung daran gearbeitet, im Telekommunikationsgesetz zu verankern, dass die Provider verpflichtet werden, wie bei den Notrufen 110 und 112 die Geodaten mitzuliefern. Dann kann der Computer ganz leicht den zuständigen Bereitschaftsdienst-Arzt ermitteln und das Gespräch in Bruchteilen einer Sekunde dorthin weiterleiten.

Wir müssen noch einmal über Geld reden …

Fazit: Bundesweit kostet die gesamte Vermittlungsstruktur - einschließlich der beiden Callcenter - „nur noch“ 2 Millionen Euro, wobei diese anteilig vom Aufwand von den KVen zu refinanzieren sind. Da wir keine Call-Center-Strukturen benötigen, ist also der Anteil der KVBB sehr gering.

Und wie sehen Sie eine Finanzierungsbeteiligung durch die Kassen?

Wenn dieses System gut und stabil läuft, werden wir als Nächstes daran arbeiten, die Krankenkassen an der Finanzierung zu beteiligen, denn es ist ein Service für deren Versicherte. Denkbar wäre aber auch die Finanzierung aus Steuergeldern.


Wenn Sie die Jahre Revue passieren lassen: Würden Sie ein solches Projekt noch einmal stemmen? Und: Was würden Sie dann vielleicht anders angehen?

Ja und Nein! Ja – weil es ein super Produkt ist und für die Menschen eine echte Erleichterung darstellt. Und Nein, - weil es so gut wie keine Umwege gab, die man hätte vermeiden können oder müssen. Strategie und Taktik haben genau gepasst!
Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum ich dieses Projekt jederzeit wieder in Angriff nehmen würde: es ist ein enormer Imagegewinn für die Vertragsärzteschaft, für die Selbstverwaltung, dass nur wir in der Lage sind, so etwas in Deutschland zu stemmen! Wenn wir unsere Funktion, Interessenvertreter der Ärzteschaft zu sein, ernst nehmen, müssen wir auch unsere Unverzichtbarkeit unter Beweis stellen. Das KV-System steht heute wieder auf einem stabilen politischen Fundament!



Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Ralf Herre.

 

17.02.2012