Aktuell im Gespräch mit Petra Bangemann

Berücksichtigung des Demographiefaktors öffnet jahrelang gesperrte Zulassungsbereiche


Der Landesausschuss hat Planungsbereiche für Fachgruppen wieder geöffnet, die jahrelang gesperrt waren. Wie kommt es dazu?

Bislang wurde der Berechnung des Versorgungsgrades in einem Planungsbereich ein reines Arzt-Einwohner Verhältnis als Bedarfs-Messzahl zugrunde gelegt. Diese Messzahl wird nunmehr durch die Einbeziehung eines sogenannten Demographiefaktors modifiziert.

Womit die Wirklichkeit ja auch viel genauer abgebildet werden kann …

Genau darum geht es. Und die Wirkung merken wir in unseren Regionen mit vielen älteren, oft mehrfach kranken Menschen unmittelbar: Die Messzahl sinkt und somit ergibt sich rein rechnerisch ein höherer Bedarf an Ärzten für die einzelnen Planungsbereiche. Oder einfach ausgedrückt, sie sind wieder für eine ambulante Tätigkeit geöffnet.

Was ist der Demographiefaktor, und wie wird er berücksichtigt?

Einfach ausgedrückt wichtet er die Inanspruchnahme ärztlicher Diagnosen und Therapien im Verhältnis zur Demographie der Bevölkerung in den Planungsbereichen, die im Übrigen nach wie vor die Landkreise sind.

Das klingt kompliziert.

Ist es auch. Der exakten Berechnung liegt eine komplizierte Formel zugrunde, die der Gemeinsame Bundesausschuss beschlossen hat. Im Ergebnis ist es jedoch so, dass der demografische Faktor nur in dem Planungsbereich bei der Berechnung des Versorgungsgrades zur Anwendung kommt, wenn die Fallzahlen der Ärzte einer Arztgruppe in einem Planungsbereich über dem Durchschnitt der Arztgruppe im gesamten Bundesgebiet liegen.

Das verändert sich doch immer wieder.

Stimmt. Deshalb haben die KVen die Berechnungen zur Anpassung der Messzahl einmal im Jahr entweder zum 30.6. oder 31.12. durchzuführen. Wir haben dies jetzt zum 31. Dezember 2010 getan.

Welche konkreten Auswirkungen haben diese Berechnungen für Brandenburg?

Erwartungsgemäß hat sich für die Arztgruppen, die eine höhere altersbedingte Inanspruchnahme von Versicherten über das 60. Lebensjahr haben, die Soll-Zahl an Ärzten in den Planungsbereichen erhöht.

Welche Arztgruppen sind dies?

Insbesondere die Urologen, Augenärzte und Hausärzte. Für letztere ist damit jetzt wieder eine Öffnung für alle Planungsbereiche erfolgt, selbst für Potsdam und die anderen größeren Städte.

Wieviele Arztsitze sind es bei den anderen Facharztgruppen?

Bei den Augenärzten wurden neun Planungsbereiche für insgesamt zehn Zulassungen oder Anstellungen geöffnet, bei den Urologen fünf Planungsbereiche für fünf Zulassungen, bei den Orthopäden zwei Zulassungen in zwei Planungsbereichen und den HNO-Ärzten ein Planungsbereich für eine Zulassung.

Nun hat ja die Öffnung nicht automatisch zur Folge, dass sich ein Arzt niederlässt.

Richtig! Aber wir haben nun zumindest die Möglichkeit, dass sich interessierte Ärzte bewerben und letztlich eine ambulante Tätigkeit beginnen können, was ja vorher so nicht möglich war. Es ist also eine größere Chance für eine den Gegebenheiten adäquate Versorgung.

Trotzdem glaube ich, bei Ihnen ein Aber in der Stimme zu vernehmen …

Die Berücksichtigung des Demographiefaktors ist gerade hier für uns in den neuen Ländern, im Osten, schon ein Schritt in die richtige Richtung. Mein Aber resultiert aus meiner Skepsis, dass eine kleinteiligere Bedarfsplanung, detailliertere Vorgaben auf Bundesebene nicht wirklich die Versorgung vor Ort stabilisieren können. Aber letztlich bringt uns jede noch so realitätsnahe Berechnung eines Bedarfes alleine nicht einen neuen Arzt ins Land.

Frau Bangemann, gemeinsam mit den Krankenkassen analysieren wir die Versorgungssituation auf der Basis der Mittelbereiche. Dies ist eine Umstellung. Kann man schon etwas dazu sagen, wie sich diese Umstellung im Alltag bewährt?

Wir stecken hier gewissermaßen noch in den Kinderschuhen. Aber wir sind uns mit den Krankenkassen einig, dass wir uns unterhalb der vom Gemeinsamen Bundesausschuss vorgegebenen Landkreise als räumlicher Planungsgrundlage dem Zentralen-Orte-System der gemeinsamen Landesplanung Berlin-Brandenburg bedienen.

Ersetzt diese Betrachtungsweise die bislang angewandte Altkreissystematik?

Ja. Analysierten wir bislang die Versorgungssituation auf Basis der 42 Altkreise, sind es jetzt 46 Mittelbereiche, die als Bezugsgröße zur Ermittlung von unterversorgten Regionen dienen. Allerdings findet dies nur für die Arztgruppen Anwendung, die für eine wohnortnahe Versorgungsstruktur maßgeblich sind, also Haus-, Frauen-, Augen- und Kinderärzte. Für Zulassungssperren durch den Landesausschuss gelten aber wie bisher ausschließlich die Landkreise bzw. kreisfreien Städte als Planungsbereiche.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Berücksichtigung des Demographiefaktors dazu führt, dass die Zahl der als unterversorgt eingestuften Regionen zunimmt. Ist das so?

Rechnerisch wird dies auf alle Fälle so sein. Die Frage ist nur, wie dies im Landesausschuss bewertet wird. Ich gehe aber davon aus, dass wir hier, um einmal das Beispiel hausärztliche Versorgung zu nehmen, in Zukunft mehr als die zurzeit sechs Regionen haben, die als unterversorgt eingeschätzt werden.

Frau Bangemann, vielen Dank für das Gespräch
Gefragt und notiert von Ralf Herre

10.03.2011