Bereitschaftsdienst: Versorgungsnetz wird dieses Jahr komplettiert

Die Umsetzung des Konzepts Bereitschaftsdienst 4.0 läuft – trotz Corona. Was noch getan werden muss und was schon erreicht ist, erläutert der KVBB-Vize Dipl.-Med. Andreas Schwark im Interview

Stellvertretender KVBB-Vorstandsvorsitzende Dipl.-Med. Andreas SchwarkDas Coronavirus hat viele Termine durcheinander gewirbelt und Projekte durchkreuzt. Ist die Umsetzung der Bereitschaftsdienstreform in Verzug geraten?
Nein. In Schwedt und Neuruppin sind Anfang Juli die beiden jüngsten Bereitschaftspraxen ans Netz gegangen. Damit sind jetzt landesweit 17 Bereitschaftspraxen an Krankenhäusern etabliert und bewähren sich in der Patientenversorgung zu den sprechstundenfreien Zeiten. An drei Standorten bieten die Kollegen zudem neben dem allgemeinärztlichen auch fachärztliche Dienste an: in Cottbus den kinderärztlichen und den HNO-ärztlichen, in Perleberg und Rüdersdorf jeweils den kinderärztlichen Bereitschaftsdienst. Für Neuruppin laufen Abstimmungen für ein kinderärztliches Angebot.

 

Wie viele Bereitschaftspraxen sollen noch entstehen?
Am 2. November wollen wir in Nauen noch eine Bereitschaftspraxis eröffnen. Und nicht nur das: Mit Eröffnung der Praxis wird dann auch die neue Bereitschaftsdienstregion Brandenburg/ Havelland gebildet, und auch der Einsatzarzt mit Fahrdienstunterstützung nimmt die Arbeit auf. Intensive Diskussionen mit den Regionalbeiratsmitgliedern und den Bereitschaftsdienstverantwortlichen vor Ort sind dem vorausgegangen. Damit ist dann die Umstellung auf Bereitschaftsdienst 4.0 für alle Regionen abgeschlossen, und das Netz der Bereitschaftspraxen ist komplett.

 

Vorgesehen ist ja auch, dass die Patientensteuerung im Bereitschaftsdienst für das gesamte Land Brandenburg durch die Koordinierungsstelle in Potsdam erfolgen soll. Wann ist es so weit?
Das ist bereits seit 1. Juli gelebte Realität. Das heißt, egal ob jemand aus Perleberg, Cottbus oder Schwedt die 116117 anruft, sie alle erreichen unsere Koordinierungsstelle in Potsdam. Medizinisch geschultes Personal bewertet und disponiert die Anrufe. Dies entlastet den diensthabenden Arzt von einem Großteil der Patientenanrufe. Und die Patienten erhalten genau die Hilfe, die medizinisch notwendig ist.

 

Ab dem ersten Quartal 2021 soll die Dienstplanung ausschließlich elektronisch erfolgen. Wie soll das funktionieren?
Mit einer neuen Dienstplanungssoftware, über die alle Kollegen ihren Dienst künftig selbst einpflegen. Um ihnen den Einstieg in das neue Programm und die spätere Nutzung zu erleichtern, bieten wir im August und September spezielle Videoschulungen an. Die Einladung mit weiteren Details wurde bereits an alle Kollegen verschickt.

 

Die Dienstplanung wurde bisher von den Bereitschaftsdienstbeauftragten in den Regionen gemanagt. Werden diese Kollegen nun „arbeitslos“?
Nein, natürlich nicht. Die Kollegen bleiben nach wie vor unsere wichtigsten Bindeglieder zu den Kollegen vor Ort. Sie und die ärztlichen Koordinatoren der Bereitschaftspraxen sind einerseits unsere ersten Ansprechpartner rund um den Bereitschaftsdienst in der Region und tragen andererseits Anregungen oder Probleme an uns heran.

 

Der Fahrdienst und die Einsatzärzte bilden eine neue Säule im ärztlichen Bereitschaftsdienst. Wo gibt es sie bereits?
Einsatzärzte mit Fahrdienstunterstützung sind bereits von zehn Einsatzorten aus unterwegs, unter anderem in der Region Spreewald/Lausitz oder Dahme-Teltow sowie ganz neu in Cottbus/Spree-Neiße, Potsdam und der Region Uckermark. In den Fällen, in denen ein Hausbesuch erforderlich ist, steht dem Einsatzarzt ein Fahrer mit Fahrzeug zur Verfügung. Unsere Partner sind dabei – je nach Region – das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter, der Arbeiter-Samariter-Bund oder die Helfenden Franken.

 

Wie klappt die Zusammenarbeit unserer Koordinierungsstelle mit den Regionalleitstellen im Land?
Unsere Koordinierungsstelle hat mit allen fünf Leitstellen im Land Brandenburg eine elektronische Schnittstelle. Damit gehören wir bundesweit zu den Vorreitern. Praktisch bedeutet das, dass wir im medizinischen Notfall die Daten eines Patienten über die Schnittstelle direkt an die zuständige Leitstelle übermitteln und die Rettungskette auslösen können. Im Gegenzug erhält die Koordinierungsstelle von der jeweiligen Leitstelle die Daten der Patienten, die keine Notfälle sind. Unsere Erfahrungen damit sind bisher äußerst positiv.

 

Welche Vorteile bringt der neu strukturierte Bereitschaftsdienst den Kollegen?
Der Bereitschaftsdienst ist zukunftssicher. Gab es Regionen, in denen in der Vergangenheit sechs bis sieben Dienste pro Quartal nicht unüblich waren, ist es jetzt ein Dienst pro Quartal. Zudem können die Kollegen wählen, welchen Dienst sie übernehmen möchten – ob in der Bereitschaftspraxis oder als Einsatzarzt. Als Einsatzarzt müssen sie zu Hausbesuchen nicht mehr selber fahren, sondern werden vom Fahrdienst gebracht. Und nicht zu vergessen: Die Entlastung von vielen Patientenanrufen durch die KVBBKoordinierungsstelle.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

17.07.2020