Das neue Jahr stellt uns vor viele Herausforderungen

Aktuell im Gespräch mit Dr. med. Hans-Joachim Helming, Vorsitzender des Vorstandes der KV Brandenburg

Ein Jahr geht zu Ende – wie fällt Ihr Fazit dazu aus?


Es war - eigentlich wie immer - ein Jahr voller Herausforderungen in den verschiedensten Bereichen. Davon haben wir viele gemeistert; also kann ich schon insgesamt ein positives Fazit ziehen.

 

Was stand besonders im Fokus?


Das Versorgungsstrukturgesetz, das wir aus Sicht der Ärzte natürlich durch unser Tun, unsere Argumente noch beeinflussen wollten und auch haben. Zudem haben wir gemeinsam mit der KBV alle Vorarbeiten für einen erfolgreichen Start der 116 117 – der bundeseinheitlichen, europäischen Bereitschaftsdienstnummer – zum 1. März des kommenden Jahres abgeschlossen. Und wir haben es sogar geschafft, durch eine Änderung des Telekommunikationsgesetzes diese Rufnummer. den Notrufen 110 und 112 gleichzustellen! 


Der Vorsitzende einer KV ist immer auch vielfältig auf der Bundesebene eingespannt …


Das ist sehr wichtig, leider aber auch ausgesprochen zeitintensiv. Als Vorsitzender des KBV-Finanzausschusses galt es, viele Aufgaben zu erledigen. Und auch die Arbeit in anderen Gremien der KBV und der gemeinsamen Selbstverwaltung sind zwar sehr interessant und einflussreich, aber erfordern eben auch viel Zeit. 


Das geht nur mit einem stringenten Zeitmanagement.


Vor allem benötigt man gute Partner an seiner Seite. Insofern ist es gut, dass ich mich im Vorstand auf gute Stellvertreter und in der KV-Verwaltung ein kompetentes Management-Board verlassen kann. Dafür an dieser Stelle ein großes Dankeschön!


Sie erwähnten den Einfluss auf gesundheitspolitische Entscheidungen. Der Bundestag hat über das neue Versorgungsstrukturgesetz am 2. Dezember entschieden. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Punkte darin?

 

Die wichtigste Neuerung ist, dass die ärztliche Selbstverwaltung wieder deutlich gestärkt wurde. Die Irrwege der Zentralisierung und der politischen Bevormundung sind an entscheidenden Stellen beendet worden. 

 

An welchen?

 

Die Honorarverteilungskompetenz wurde wieder regionalisiert. Wir haben in der gemeinsamen Selbstverwaltung mit den Kassen endlich die lange geforderten Instrumente und Befugnisse zur bedarfsgerechten Strukturierung der sogenannten Bedarfsplanung erhalten. Und nach einem vor uns liegenden Jammertal von 2012 soll endlich die Morbidität DER Parameter zur Entwicklung der Honorare sein. 


Honorar ist ein gutes Stichwort.


Es sind neue Perspektiven für eine leistungsgerechte Gestaltung des EBM fernab der unseligen Pauschalierung verankert worden. Wir haben zwar nicht alles erreicht, aber das war auch nicht zu erwarten. Das Gesetz hat jedoch sehr viele Optionen für eine sinnvolle Weiterentwicklung der Strukturen im Gesundheitswesen. Das ist mindestens genauso wichtig.


Im Vorfeld dieses Strukturgesetzes hat sich die KV Brandenburg, haben Sie sich persönlich intensiv eingebracht …


Wenn man so lange wie ich in der Berufspolitik unterwegs ist, kennt man viele Entscheidungsträger. Und die kennen mich. Da öffnen sich viele Türen, man hat Vertrauen zueinander und weiß, wofür jemand steht, was er vermag und was nicht. Da lässt sich schon sehr viel bewegen. Und so waren sehr viele politische Kontakte im Bundestag, auf Landesebene, mannigfaltige Überzeugungsarbeit in Gremien und bei Kassenvertretern sowie tiefgehende Sacharbeit erforderlich. Schließlich war dann die Gründung der LAVA-KVen-Gruppe sowie die Koordinierung der gemeinsamen Aktivitäten eine das ganze Jahr über anhaltende Aufgabe, der wir uns mit viel Verve und Erfolg gewidmet haben.


Hätten Sie sich manchmal mehr Verständnis oder vielleicht auch mehr Unterstützung erhofft?


Ja, natürlich! Politik macht man nicht allein. Mitunter zählen natürlich nur die wirklich guten Argumente – häufiger verpuffen die an einer Betonwand aus ideologischer Voreingenommenheit, Parteistrategie und persönlicher Inkompetenz des Gesprächspartners. Da hilft dann nur öffentlicher Druck, die „Trägerwelle“! Kein General gewinnt die Schlacht allein – schon gar nicht, wenn die Soldaten in den Schützengräben verharren und Putz- und Flickstunde absolvieren!

 

Das war jetzt sehr allgemein …

 

Besonders enttäuschend empfand ich das Verhalten unserer Landesregierung in der Frage der sachgerechten Mittelverwendung des Gesundheitsfonds für die ambulante Versorgung. Weniger war es die Sprach- und Tatenlosigkeit unseres „Landesvaters“, das sind wir ja, seit er Ministerpräsident ist, von ihm gewöhnt. Leider. Dass aber unser Fachministerium eine Steilvorlage der Länder Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt einfach mal so ignoriert, das war schon eine sehr herbe Enttäuschung!

 

 

Möglicherweise eine mit Folgen.


So ist es. Wir werden in jedem Fall 2012 eine drastische MINUS-Runde im Honorar drehen. Und was ab 2013 wird, will ich heute noch nicht prognostizieren, da ich nicht riskieren will, als Schwarzmaler zu gelten.

 

Brandenburg gehört zu den LAVA-Aktivisten. Müssen wir uns daran gewöhnen, dass die KVen in Zukunft immer weniger mit einer Sprache sprechen und sich immer wieder unterschiedliche Zweckbündnisse bilden?


Zunächst ist die Interessengemeinschaft eine absolut legitime politische Struktur in einer Demokratie. Insoweit schadet dies nicht dem System der ärztlichen Interessenvertretung. LAVA ist eine Weiterentwicklung unseres schon fast erwachsen gewordenen „Tabakskollegiums“, also der Arbeitsgruppe der Ost-KVen. Daran haben sich die KVen Nordrhein, Westfalen-Lippe, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz angeschlossen. Alle LAVA-KVen repräsentieren fast die Hälfte der ambulant tätigen Ärzteschaft in der Bundesrepublik! Damit hat dieses Bündnis schon ein beachtliches Standing und ist daher geeignet, anderen Interessengruppen – FALK beispielsweise - sehr bedeutsam entgegenzutreten. 

 

Bringt das letztlich die KBV als Partner von Kassen und Politik auf Bundesebene in die Bredouille?


Diese Gefahr sehe ich nicht. Die Länder mit ihren Spezifika haben sich über die Jahre sehr unterschiedlich entwickelt, da kann es in der KV-Landschaft keine „Einheitssoße“ geben. Die Politik hat den Solidargedanken im GKV-System – zu dem auch wir Vertragsärzte gehören – zur Farce degradiert, somit sind Konkurrenz und Streit um den eigenen Vorteil systemimmanent geworden. Das muss man zur Kenntnis nehmen, sonst wird man zum Traumtänzer.

 

Sie hatten die Stärkung der Selbstverwaltung erwähnt: Werden dadurch die Entscheidungsmöglichkeiten für die KV besser? 


In der Tat hat der Gesetzgeber aus den Irrwegen der Schmidt´schen Ideologie-Geisterbahn gelernt und eine Reihe von Fehlentscheidungen wieder korrigiert. Knitterfalten bleiben dennoch. Aber wir können wieder – wie früher – unsere Sachkompetenz bei der Verteilung der viel zu geringen Honorare wirken lassen und müssen das Störfeuer der Kassen, teilweise aus Unkenntnis, teilweise aus wettbewerblichen Intentionen, nicht mehr berücksichtigen. Wir können nun wieder zielgenauer, flexibler, individueller – einfach sachgerechter – die Honorarverteilung gestalten.


Beeinflusst dies das Miteinander von KV und Krankenkassen in Brandenburg?


Ich bin überzeugt, dass in Brandenburg - zumindest mit AOK und BARMER GEK - interessante Perspektiven vorstellbar sind. Wir haben in den vergangenen beiden Jahren durch das enge Miteinander in der IGiB viele wertvolle Erfahrungen in der gemeinsamen Problemlösung gewonnen und dadurch erfolgreich Projekte entwickelt und in die Praxis überführt, die ohne dieses Joint Venture nicht denkbar gewesen wären. Und wir haben noch vieles vor! 

 

Aber nicht nur mit Blick auf diese beiden Kassen?


Wenn bei den anderen Kassen, die im Wettbewerb mit unseren Partnern stehen, der „Groschen fällt“, dass sie mit einer akzeptierten KV zum eigenen Vorteil sehr viel mehr Nutzen generieren können, dann sind wir für alle offen. Wann das der Fall ist, ist derzeit ungewiss. Noch gefallen sie sich als Trittbrettfahrer. Leider.


Innovative Lösungsansätze sind ein gutes Stichwort. Brandenburg hatte da schon immer die Nase weit vorn. Auch 2012?


Ja, Erfolg verpflichtet! Wir setzen auch in 2012 auf den Anziehungseffekt für junge Ärzte, der in der Berücksichtigung ihrer Vorstellungen von Umfeldstrukturen ärztlicher Tätigkeit liegt. Und da sind die Weiterbildungsnetzwerke genauso wichtig wie die Möglichkeiten des „KV-RegioMed-Konzeptes“. 


Ein sehr variables Konzept …


Ja, es geht im engeren und im weiteren Sinne um kooperative Tätigkeitsformen, auch in Anstellung bei anderen Ärzten oder in Eigeneinrichtungen der KV, auch in Teilzeit – sektorübergreifend und flexibel in der Region sowie unter Einbeziehung arztentlastender Supportstrukturen wie der Fallmanagerin „agnes zwei“. All das sind Module dieses innovativen Konzeptes. Derzeit planen wir gerade mit einem Krankenhausträger die Entwicklung einer Strukturmigration des Krankenhauses hin zu einer, die ambulanten Ärzte in der Region entlastend-unterstützenden Kooperationsoption. Und im Januar starten wir das erste Curriculum für zunächst 30 „agnes zwei“-Kräfte.

 

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Bis Ende 2015 wird die KV Brandenburg in Potsdam ein neues Domizil beziehen.


Der Neubau unseres Verwaltungsgebäudes wird tatsächlich in den kommenden 4 Jahren neben unserer regulären Arbeit als Vorstand und Management-Board zusätzliche Energie kosten. Aber die Erwartung, dass dann viele Arbeitsabläufe geordneter, effizienter und damit auch schneller und sicherer werden, motiviert alle. 

 

28 Millionen Euro sind kein Pappenstil.

 

Nun, die Vertreterversammlung hat eine überaus kluge Entscheidung getroffen, sich das Geld für den Bau quasi selbst zu leihen; also über eine später zurückzuzahlende Sonderumlage für eine begrenzte Zeit vorzustrecken. Die Rückzahlung erfolgt dann aus dem Haushaltsvolumen, welches ansonsten für Mieten aufzuwenden gewesen wäre. Unsere indexierten Mietverträge – also Anpassung an die Inflationsrate - führen zu einer erheblichen Ausgabensteigerung in den nächsten Jahren. Mit dem Umzug in unser Eigentum wird diesem Fass ohne Boden der Rücken gekehrt! Wir hätten diese Entscheidung schon früher treffen sollen; wir hätten sehr viel Geld gespart.

 

Es geht aber nicht nur um Kosten.


Richtig, es geht auch und vor allem um effiziente Arbeitsabläufe. Ein willkommener Nebeneffekt ist zudem, dass Partner und andere Körperschaften prüfen, gegebenenfalls mit uns gemeinsam den neuen Standort zu entwickeln. Es besteht die Chance, für alle Ärzte und Zahnärzte eine zentrale Dienstleistungsstruktur nutzen zu können. Schließlich haben wir traditionell zu beiden Körperschaften – Landesärztekammer und Kassenzahnärztliche Vereinigung - ausgezeichnete Beziehungen.

 

Herr Dr. Helming, wieviele Ziffern hat unsere aktuelle Rufnummer im Bereitschaftsdienst?


Ich weiß, dass sie mit 14 Ziffern ziemlich lang ist …

 

Aber das wird sich ja ab März kommenden Jahres ändern, dann kommt die 116 117.


Genau! Und darauf können wir Brandenburger zurecht stolz sein, denn wir haben diese Rufnummer für Europa in Brüssel organisiert und gemeinsam mit der KBV für Deutschland technisch soweit vorbereitet, dass zum 1. März jeder Hilfesuchende nur noch diese Nummer wählen muss, um egal, wo er sich in Deutschland befindet, an den in der Region zuständigen Bereitschaftsdienst vermittelt zu werden. 

 

Kommt die Nummer, ist damit erst einmal das Ende eines über fünfjährigen Prozesses erreicht.


Es war ein schwieriger und langer Weg – in Brüssel, um die Mitgliedsländer, auch das Parlament und die EU-Kommission davon zu überzeugen, dass diese Rufnummer für ganz Europa einen enormen Wert hat. Aber auch in Deutschland diese Strukturen zu entwickeln, die für einen reibungslosen Service notwendig sind, das war mindestens genauso schwer – und nicht minder zeitaufwendig. Aber nun ist es so gut wie vollbracht, und ich bin schon sehr auf den 1. März gespannt!


Worin sehen Sie die größten Vorteile?


Zunächst ist es die Kürze der Ziffernfolge; das lässt sich leicht merken. Die Rufnummer ist überall in Europa kostenlos – sie ist ab 1.3.2012 in Deutschland den Notrufen 110 und 112 gleichgestellt. In den nächsten Jahren werden sukzessive weitere Mitgliedsländer der EU diesen Service installieren, dann kann man auch im Urlaub oder als Geschäftsreisender im Ausland über diesen Ruf zu den jeweiligen Bereitschaftsdienst-Strukturen gelangen.

 

Und es ist auch ein Imagegewinn … 


Der ist für unser KV/KBV-System enorm! Niemand in der Bundesrepublik ist außer uns in der Lage, ein solches System zu etablieren! Dieses Projekt war unter anderem ein Argument für die politischen Entscheidungsträger, dem KV/KBV-System, der ärztlichen Selbstverwaltung, wieder mehr Handlungsfreiheit zu geben. 

 

Vielen Dank für das Gespräch.
Gefragt und notiert von Ralf Herre

21.12.2011