Demokratie gestalten

Aktuell im Gespräch mit Dipl.-Med. Gisela Polzin, langjähriges Mitglied der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB)

Frau Polzin, Sie sind seit 1991 in der KV Brandenburg berufspolitisch engagiert und haben sich seitdem in verschiedenen Ämtern und Ausschüssen ehrenamtlich Verdienste erworben. Was macht dieses Engagement für Sie so spannend?

 

Es ist eine tolle Sache, Demokratie gestalten zu können, sich konstruktiv zu streiten, Kompromisse zu finden. Ich bin in einer Diktatur großgeworden, die Aufbruchsstimmung nach der Wende war überall riesig. Auch in der neu gegründeten KV. Wir wollten etwas bewegen und haben die Ärmel hochgekrempelt und „gemacht“. Natürlich war alles neu für uns, vieles auch noch gar nicht gesetzlich geregelt. Wenn unsere Juristen etwa heute sehen würden, wie unsere Widerspruchsarbeit damals aussah, würden sie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

 

Sie gehören zu den „alten Hasen“ in der Vertreterversammlung, sind seit der ersten Legislaturperiode dabei. Hat sich die Arbeit des Gremiums im Laufe der Jahre verändert?

 

Ja. In den ersten Jahren hatte die Vertreterversammlung noch einen anderen Einfluss als heute. Wir konnten damals mehr gestalten, als es jetzt möglich ist. Waren anfangs viele unserer Diskussionen und Entscheidungen berufspolitisch geprägt, sind sie heute überwiegend verwaltungstechnisch. Aber das liegt wohl in der Natur der Sache. Wir mussten ja unsere Selbstverwaltung erst aufbauen und auf den Weg bringen. Heute – um es salopp zu sagen – läuft der Laden.

 

Ist berufspolitisches Engagement trotzdem nach wie vor notwendig?

 

Auf jeden Fall! Es ist notwendig, und es lohnt sich. Die Vertreterversammlung ist und bleibt das Parlament der ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten. Und vergessen Sie nicht, die gewählten Vertreter sitzen an einem ganz entscheidenden Hebel. Sie bestimmen ihren Präsidenten und wählen den Vorstand der KV Brandenburg.

 

Auf ihrer Sitzung Anfang März hat die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erstmals paritätisch abstimmen müssen – per gesetzlicher Verordnung. Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit zwischen Hausund Fachärzten in der brandenburgischen Vertreterversammlung?

 

Unsere amtierende Vertreterversammlung ist bereits paritätisch besetzt. Das heißt, wir mussten und haben uns immer geeinigt. Ich finde es schlimm, wenn eine Arztgruppe die andere dominiert. Für die nächste Vertreterversammlung wünsche ich mir deshalb wieder ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Haus- und Fachärzten. So kann es erst gar nicht zu so einem Hickhack wie bei der KBV kommen.

 

Wird es eigentlich schwerer, Kollegen für berufspolitisches Engagement in ihrer Standesvertretung zu begeistern?

 

Ich versuche mein Bestes, Nachwuchs zu gewinnen. (Lacht.) Es gibt da eine Kollegin, der habe ich die Arbeit in der Vertreterversammlung sehr ans Herz gelegt. Ich hoffe, mit Erfolg. Etwas frischer Wind und neue Gesichter würden unserer Vertreterversammlung guttun. Aber aus eigener Erfahrung kann ich auch jedem Kollegen, der sich berufspolitisch engagieren will, nur raten, sich einen Partner in die Praxis zu holen, um seine Patienten nicht zu vernachlässigen. Ich war jahrelang Einzelkämpferin und weiß, wie schwierig dieser Spagat ist.

 

Für die Wahl zur Vertreterversammlung im Herbst wollen Sie nicht mehr kandidieren. Fällt Ihnen der Abschied schwer?

 

Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die berufspolitische Arbeit – nicht nur in der Vertreterversammlung, sondern auch in den Ausschüssen – hat mir großen Spaß gemacht. Aber natürlich ist es auch schön, dann Zeit für die Dinge zu haben, die so gar nichts mit ärztlicher Standespolitik zu tun haben.



Frau Polzin, vielen Dank für das Gespräch.

Gefragt und notiert von Ute Menzel

 

 

 

22.03.2016