„Der Bereitschaftsdienst wird keine ungeliebte Pflicht mehr sein“

Andreas Schwark, stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der KVBB, im Gespräch

Neue Bereitschaftsdienstbezirke, attraktivere Vergütung, eine Finanzierung mittels Umlage und eine Koordinierungsstelle zur Anruflenkung – die Weiterentwicklung des ambulanten Bereitschaftsdienstes hat ganz unterschiedliche Facetten. KV-Intern sprach mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Vorstandes der KVBB, Dipl.-Med. Andreas Schwark, über das Projekt.

 

Herr Schwark, seit einigen Monaten beschäftigen Sie sich gemeinsam mit einem kleinen Team intensiv mit der Weiterentwicklung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes. Warum ist das Projekt so wichtig für die KV Brandenburg und die märkischen Ärzte?

Für die Weiterentwicklung des Bereitschaftsdienstes sprechen drei ganz unterschiedliche Gründe. Erstens ist der Bereitschaftsdient, so wie wir ihn aktuell kennen und leben, nicht mehr zeitgemäß. Das zeigen unsere Auswertungen der zeitlichen Inanspruchnahme: In 97 Prozent der Dienstbezirke werden zwischen 19 und 7 Uhr bis zu zwei Fälle abgerechnet. An Wochenenden und Feiertagen zwischen 7 und 19 Uhr ist der Bereitschaftsdienst hingegen regional stärker frequentiert. Zweitens haben wir festgestellt, dass junge Ärzte sehr großen Wert auf eine familienfreundliche Ausgestaltung des Bereitschaftsdienstes legen. In unserer Niederlassungsberatung zählt die Frage nach dem Bereitschaftsdienst zu den Top Drei der Themen. Und drittens sieht der Entwurf des Versorgungsstärkungsgesetzes vor, dass die KVen verpflichtet werden sollen, mit anderen Beteiligten im Bereitschaftsdienst zu kooperieren.

 

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Vorhaben?

Uns und mir persönlich geht vor allem darum, die Kollegen zu entlasten. Deshalb steht die Weiterentwicklung des Bereitschaftsdienstes unter dem Leitgedanken „Freiwilligkeit statt Dienstpflicht“. Der Bereitschaftsdienst soll zukünftig besser vergütet werden. Daneben wollen wir unterschiedliche Kooperationsmodelle prüfen und etablieren. Ich bin der Überzeugung, dass der Bereitschaftsdienst so für interessierte Kollegen aus Brandenburg und darüber hinaus deutlich attraktiver wird. Dann kommen wir dem großes Ziel nahe, dass der Bereitschaftsdienst nicht mehr als ungeliebte Pflicht wahrgenommen wird, sondern sich mit einer hohen Lebensqualität verbinden lässt und sogar ein Argument für die Niederlassung in Brandenburg wird.

 

Gehen mit diesen Zielen auch Strukturänderungen einher?

Wir haben in den Dienstbezirken Einwohnerzahl, Infrastruktur und Fallzahlen detailliert analysiert. Auf dieser Basis lassen sich die Bezirke räumlich neu ordnen. Dabei soll der Radius nicht größer als 20 Kilometer sein. Wenn etwa 50 Ärzte, wie in Bayern, in diesen neuen Bezirken ihren Bereitschaftsdienst absolvieren, dann können wir eine niedrige Dienstfrequenz garantieren.

 

Greifen Sie neben den Erfahrungen aus Bayern auf weitere Ansätze aus anderen KVen zurück?

Ja, und mehr noch, wir schauen sogar ins Ausland. Auslöser für unsere Überlegungen war der Besuch meines Vorstandskollegen Dr. Helming einer Organisationsstruktur für die 116 117 in Niederösterreich. Erfahrungen aus diesem Besuch haben zu einem Workshop in Potsdam geführt. In Baden-Württemberg wiederum ist die Vergütung interessant. Dort wird mit einer Pauschale von 40 Euro pro Stunde plus Feiertagszuschläge gearbeitet. Dieses Modell funktioniert dort gut, und ich kann es mir für Brandenburg vorstellen. Bei der Finanzierung bietet sich ein Umlageverfahren wie in Schleswig-Holstein und Hessen an. Daneben arbeiten verschiedene KVen mit einer Koordinierungsstelle, bei der alle Anrufe an die 116 117 eingehen. Diese werden von speziell geschulten Mitarbeitern entgegengenommen und auf Basis eines ausgeklügelten Leitfadens dann an jeweils richtige Stelle weitergegeben. Diensthabende Ärzte werden so vom „Telefondienst“ entlastet.

 

Ihre Pläne haben Sie in den vergangenen Wochen der Vertreterversammlung und anderen Gremien der KV Brandenburg vorgestellt. Wie fiel die Reaktion der Kollegen aus?

Über die positiven Rückmeldungen bin ich sehr erfreut. Der skizzierte Weg wird von den Kollegen unterstützt. Das zeigt das Feedback der Kollegen auf den verschiedenen Veranstaltungen. Unstrittig ist, dass wir eine attraktivere Vergütung des Bereitschaftsdienstes brauchen. Auch für ein Umlageverfahren zur Finanzierung des Bereitschaftsdienstes gibt es einen breiten Konsens. Alle Entscheidungen können aber nicht zentral von Potsdam aus getroffen werden. Wir werden daher weiter auf kollegiale und regionale Anregungen und Bedürfnisse eingehen. 

 

Solch ein ambitioniertes Projekt braucht sicher Zeit. Wie geht es denn jetzt weiter?

Zentrale Meilensteine haben wir schon erreicht. Die detaillierten Vorüberlegungen und Diskussionen zur Strukturierung sind im Wesentlichen abgeschlossen. Nun gilt es, die Überlegungen zu operationalisieren und die weiteren notwendigen Prozesse einzuleiten. Dazu werden wir nochmals das Gespräch mit anderen KVen suchen und uns beispielsweise ansehen, wie deren Koordinierungsstellen funktionieren. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das gesamte Konzept mit allen Parametern hinsichtlich der neuen Dienstbezirke, der Vergütung, der Finanzierung sowie der Anruflenkung zur Vertreterversammlung im Herbst steht und dort auch verabschiedet werden kann. Das Ziel ist es, den neuen Bereitschaftsdienst in Brandenburg bis zum Sommer 2016 Schritt für Schritt umzusetzen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Gefragt und notiert von Christian Wehry.

12.05.2015