Die Kassen müssen endlich die Morbidität anerkennen und finanzieren!

Aktuell im Gespräch mit Dr. Peter Noack, Stellvertretender Vorsitzender der KV Brandenburg

Die Gesamtvergütung 2013 ist jetzt, im Herbst, unter Dach und Fach. Reicht das Geld, um alle ärztlichen Tätigkeiten zu vergüten?
Leider immer noch nicht! Die durch die bisherige Budgetierung unserer Gesamtvergütung eingetretene Unterfinanzierung konnte zwar gemindert werden, jedoch besteht vor allem im fachärztlichen Bereich weiterer Nachholbedarf.


Inwiefern?
Bei den Fachärzten werden etwa 13 Prozent der abgerechneten Leistungen innerhalb der MGV quotiert und nicht zum Preis des Orientierungs punktwertes vergütet. Das sieht im hausärztlichen Bereich mit rund einem Prozent deutlich besser aus.


Die 45 bis 50 Millionen Euro mehr in der MGV gegenüber 2012 – je nachdem wie man die Bereinigung der Psychotherapie sieht – werden ja unterschiedlich auf den haus‐ und den fachärztlichen Versorgungsbereich verteilt. Warum?
Eine einfache „Faktenantwort“: Weil die Quotierungen in der Vergangenheit noch höher waren, es wesentlich mehr RLV‐Überschreiter bei den Fachärzten gibt und die Vergütung der RLV‐überschreitenden Leistungen mit miserablen Punktwerten erfolgen musste. Übrigens eine Folge der Trennung unserer Gesamtvergütung unter Budgetbedingungen; politisch gewollt zu Gunsten der hausärztlichen Vergütungsanteile.

 

Das Honorarplus von knapp sieben Prozent macht es möglich, dass die Fallwerte um je einen Euro angehoben werden können. In unterversorgten Regionen gar um vier Euro …
Ja, aber: Die Fallwerte werden nur bei Fachärzten um einen Euro angehoben. Die Anhebung um vier Euro pro Fall gilt zurzeit nur für zwei Regionen bei der hausärztlichen Versorgung. Viel wichtiger ist es, dass wir mit diesem Ergebnis bundesweit in der Spitze liegen und damit voraussichtlich alle neuen Leistungen des EBM – eben wie die Pauschale für die fachärztliche Grundversorgung ‐ zum vollen Preis des EBM bezahlen und einen Katalog förderungswürdiger Leistungen mit einem Zusatzpunktwert bezahlen können. Dieser wurde mit den Berufsverbänden abgestimmt und beinhaltet beispielsweise auch die Förderung von Mitbesuchen in Heimen bei den Hausärzten.


Diese Regelungen gelten jetzt erst einmal für das IV. Quartal 2013. Wie wirkt sich das Honorarplus auf die Quartale I bis III aus?
Die Vertreterversammlung hat im Grundsatz beschlossen, dass der Vorstand in ähnlicher Weise Nachvergütungen für das abgelaufene Jahr 2013 vornehmen soll. Dies prüfen wir zur ‐ zeit, weil dazu umfangreiche Nachberechnungen notwendig sind. Dabei ist unser Ziel ganz eindeutig: Noch in diesem Jahr die ersten Nachvergütungen!


Auf der Bundesebene sind gerade die ersten Verhandlungen über die MGV 2014 angelaufen. Bedeutet das, dass wir in Brandenburg nicht wieder bis zum August 2014 mit regionalen Entscheidungen rechnen müssen?
Mit Blick auf die letzten Verhandlungen für 2013 und das Verfahren vor dem Landesschiedsamt habe ich da eher große Zweifel, noch in diesem Jahr zu einem Ergebnis zu kommen. Es sei denn, die Kassen erkennen die gleichen regionalen Notwendigkeiten für Veränderungen wie wir und anerkennen diese auch durch ent sprechende Geldmittel.

 

Honorarverhandlungen sind kein Wunschkonzert. Trotzdem – was wünschen Sie sich für 2014 von den Kassen?
Ganz klar: Endlich die Anerkennung der besonderen, höheren Morbidität der brandenburgischen Versicherten und des damit verbundenen erhöhten Arbeitsaufwandes unserer Kollegen. Wenn diese Kausalität akzeptiert wird, muss die Steigerung der Gesamtvergütung 2014 über denen des Bundes liegen. Und dann darf man nicht vergessen: Wir haben Nachholbedarf!


Stichwort Hausarzt‐EBM. Die Wogen schlagen hoch, es hagelt Kritik, jetzt kommen die ersten Nachbesserungen. Was ist da falsch gelaufen?
Diese Beurteilung ist eigentlich nicht mein Bier als Facharzt. Da wir aber als KV umzusetzen haben, zwei kurze Antworten als „ Beobachter“: Rein sachlich – wir benötigen mehr und bessere Kommunikation unter Hausärzten und KVen vor – und darauf liegt die Betonung – Einführung neuer Bewertungen, als nur Kommunikation zur Information nach Einführung.


Und die zweite?
Eine etwas zugespitze: Der SPD-Politiker Müntefering meinte einmal, „Opposition ist Mist“. Ich meine: Ein neuer EBM unter Mengen‐ und Finanzneutralität mit Umbewertung von Leistungen und erheblichen strukturellen Änderungen ist auch „Mist“.


Täuscht der Eindruck, dass sich die verfasste Ärzteschaft wieder einmal selbst ein Bein stellt?
Möglicherweise in Berlin, in Brandenburg keinesfalls !


Die Telefone der Abrechnungsberater in der KV glühen. Wo liegen die Probleme?
Viele Kollegen haben zu den Neuerungen des EBM Fragen, obwohl alles veröffentlicht wurde. Zum Bei spiel, wie es sich mit dem Chroniker zuschlag und der hausärztlichen Vorhaltepauschale verhält, oder wie die PFG bei den Fachärzten abgerechnet wird.

 

Trotzdem: Wird es regionale Veranstaltungen zu den Neuerungen geben?
Ja, sechs fanden bereits mit großer Teilnahme statt, sechs weitere sind konzipiert. Insgesamt gehe ich davon aus, dass rund 500 Kolleginnen und Kollegen an diesen Terminen teilnehmen.

 

Danke für das Gespräch

Die Fragen stellte Ralf Herre

21.10.2013