Freude über Engagement – Ärger über Gesetze und Krankenkassen

Der KVBB-Vorstand zieht Bilanz.

MUDr./ČS Peter Noack,  Dipl.-Med. Andreas Schwark und Holger Rostek stehen seit sechs Jahren an der Spitze der KVBB. Im Interview schauen sie zurück und blicken auch nach vorn.

 

Welche Themen und Herausforderungen haben Sie bei Amtsantritt 2016 als besonders zentral angesehen?

 

MUDr./ČS Peter Noack

MUDr./ČS Peter Noack: Vieles, was wir uns zu Beginn der Legislaturperiode auf die Agenda geschrieben haben, wurde in unserem Leitbild verarbeitet. Versorgung gemeinsam gestalten – das ist der Leitspruch, der alles zusammenfasst.

 

Dipl.-Med. Andreas Schwark: Das Leitbild haben wir uns nicht selbst gegeben, sondern es ist in einer intensiven Klausur mit der Vertreterversammlung entstanden. Diese Diskussionen hatten nicht nur einen großen Einfluss auf die Themen, sondern auch auf unser Selbstverständnis als Vorstand.

 

Holger Rostek: Wir wollten von Anfang an unsere Mitglieder in den Regionen stärken. Denn Sie kennen die Herausforderungen vor Ort am besten. Von unserem Verwaltungssitz in Potsdam können wir unterstützen und koordinieren. Darüber hinaus war es für uns zentral, die KV-Verwaltung zu modernisieren und die Prozesse für unsere Mitglieder transparenter zu gestalten.

 

Wie lief denn die Zusammenarbeit mit der Vertreterversammlung (VV) und den übrigen Gremien?

Noack: Wir haben mit der VV viele konstruktive Diskussionen geführt, die zum Teil auch sehr kritisch waren. Es wurde mit offenem Visier diskutiert. Das schätze ich sehr. Alle wichtigen Entscheidungen der VV wurden in den Sitzungen der Beratenden Fachausschüsse vorbereitet. Auch die Berufsverbände haben aktiv an wichtigen Entscheidungen mitgewirkt. So wurden zum Beispiel alle Änderungen des Honorarverteilungsmaßstabs fachgruppenspezifisch mit den Verbänden vorbereitet.

 

Rostek: Die Zusammenarbeit war offen und intensiv. Insbesondere in den Gremien, wie im Haushaltsausschuss, fand ein reger Austausch und Abstimmung ab.

 

Schwark: Gleiches galt für die Zusammenarbeit mit den Regionalbeiräten, Bereitschaftsdienstausschüssen und Pandemiebeauftragten. Das war zielführend, konstruktiv und kooperativ.

 

Mal abgesehen von Corona – welche Themen waren in den vergangenen Jahren besonders wichtig?

Dipl.-Med. Andreas SchwarkSchwark: Ein riesiger Block war die Reform des Bereitschaftsdienstes. Mittlerweile haben wir landesweit 19 ärztliche Bereitschaftspraxen. Besonders freut es mich, dass mittlerweile rund 95 Prozent aller Dienste, egal ob in den Praxen oder als Einsatzarzt, freiwillig übernommen werden. Der Bereitschaftsdienst ist keine lästige Pflicht mehr.

 

Rostek: Im Zuge der Weiterentwicklung des Bereitschaftsdienstes und aufgrund gesetzlicher Vorgaben haben sich die Aufgaben der 116117 stark verändert und sind vor allem deutlich umfangreicher geworden. Hinter der 116117 verbirgt sich nun der umfassende Patientenservice der KVBB. Daneben war die Digitalisierung, insbesondere das Thema IT-Sicherheit, ein Schwerpunkt.

 

Noack: Wesentlich war auch die Etablierung neuer Versorgungsformen unter dem Stichwort Ambulantisierung. Gemeinsam mit Partnern haben wir trotz vieler Widrigkeiten unser Innovationsfondsprojekt in Templin erfolgreich umgesetzt. In diesem Zuge haben wir uns auf politischer Ebene stärker als zuvor in die Zukunftsdiskussionen zur medizinischen Versorgung im Land Brandenburg eingebracht. Bis hin zum Ministerpräsidenten wird unsere Stimme in der Landespolitik deutlich wahrgenommen.

 

Wir müssen aber natürlich auch auf Corona schauen. Was lief gut, was lief schlecht in der Pandemie?

Noack: Zunächst einmal haben wir den gesetzlichen Auftrag bzw. den Auftrag des Landes erfüllt und die Impfzentren aufgebaut. Im Verlauf der Impfkampagne haben wir dann unser berufspolitisches Ziel erreicht und die Impfungen in die Praxen gebracht. Dabei gelang es uns, die bundesweit beste Honorierung für Impfungen in den Impfzentren zu vereinbaren. Letztendlich war diese auch Basis für die ärztliche Vergütung in den Praxen.

 

Schwark: Anfangs lief es nicht so gut, die ersten zwei Gespräche mit unserem Gesundheitsministerium waren schwierig. Letztlich haben wir uns alle zusammengefunden und hatten zum Teil mehrmals wöchentlich Termine mit den Ministerien, den Landkreisen, der Bundeswehr, dem DRK und vielen weiteren Akteuren, die an der Impfkampagne beteiligt waren. Zwischenzeitlich saß sogar der Impfstab des Landes bei uns im Haus. Gemeinsam mit unseren Mitgliedern konnten wir viel erreichen, zum Beispiel, dass unsere Praxen schon frühzeitig vom Land mit Impfstoff versorgt wurden.

 

Rostek: Der Haushalt der KV wurde durch die Pandemie nicht belastet – alle Aufwände und Kosten der Verwaltung wurden erstattet. Es gab aber natürlich Situationen, die meinen Blutdruck nach oben getrieben haben. Ich denke da an die ersten Maskenbestellungen in Asien. Weil die Politik versagte, mussten wir ins Risiko gehen und haben für Millionenbeträge dort Schutzausrüstung bestellt, die in den Praxen dringend benötigt wurde. Gesetzliche Regelungen und Freigaben gab es dafür nicht.

 

Hätte man in der Impfkampagne etwas anders machen sollen?

Schwark: Die Hauptprobleme waren der fehlende Impfstoff und die wenig verlässlichen Aussagen vor allem von der Bundespolitik. Vielleicht wäre uns Ärger erspart geblieben, wenn, wie in Berlin, zunächst nur die über 80-jährigen gezielt angeschrieben und geimpft worden wären. Das hätte das Land machen müssen.

 

Rostek: Der riesige Ansturm auf die Terminhotline hat uns anfangs kalt erwischt. Wenn 100.000 Menschen gleichzeitig eine Hotline anrufen, dann bricht jede Leitung zusammen. Anders als es die Presse dargestellt hat, gab es kein Terminchaos in Brandenburg – es gab ein Chaos bei der Lieferung von Impfstoff durch Herrn Spahn! Dadurch mussten viel Termine abgesagt werden.

 

Kommen wir zu einem anderen zentralen Thema – der Digitalisierung. Wo standen wir 2016 und wo stehen wir heute?

Holger RostekRostek: Anders als noch vor sechs Jahren, gibt es heute keine Diskussion mehr, ob die Digitalisierung kommt oder nicht. Sie ist längst da und muss von uns und den Praxen umgesetzt werden. Unser Ziel sind alltags- und praxistaugliche Lösungen, die den Praxen helfen und sie nicht belasten. Dafür setzen wir uns sehr intensiv im KV-System, bei der gematik und auch dem Bundesgesundheitsministerium ein.

 

Noack: Mit unserem Engagement schließen wir eine Lücke, die eigentlich die Kassenärztliche Bundesvereinigung füllen müsste.

 

Und welche großen Aufgaben sehen Sie für die kommenden sechs Jahre?

Noack: Viele Dinge, die begonnen wurden, müssen fortgesetzt werden. Die Verwaltungsabläufe werden weiter modernisiert werden müssen. Die Digitalisierung wird ein zentrales Thema bleiben. Der Strukturwandel in der medizinischen Versorgung muss begleitet werden und nicht zum Nachteil der ambulant tätigen Ärzte laufen – Stichwort Ambulantisierung. Weitere Herausforderungen sind der Nachwuchsmangel und die Demografie- Effekte aufgrund der alternden Ärzteschaft. Und über allem steht die Honorarfrage. Die Praxen müssen ausreichend finanziert sein. Nur dann bleibt die ambulante Arbeit auch für den Nachwuchs attraktiv.

 

Rostek: Wir müssen uns fragen, wie die ambulante Versorgung im Land zukünftig gewährleistet und organisiert werden kann. Dabei werden Vergütungsfragen und Vernetzung, sowohl persönlich als auch digital, sicher eine wichtige Rolle spielen. Im Zuge der Digitalisierung dürfen Schwierigkeiten bei der Einführung von eAU und Co, wie wir sie aktuell erleben, nicht wieder vorkommen. Wir werden die Prozesse daher mit einem zielgenauen Testkonzept begleiten. Nur alltags- und praxistaugliche Produkte und Dienste dürfen flächendeckend eingeführt werden.

 

Schwark: Dem steigenden Behandlungsbedarf werden wir nur kollegial begegnen können. Erfolgreich die Versorgung sicherzustellen, heißt den Status quo zu halten. Hier müssen sich Politik und Krankenkassen endlich ehrlich machen und dies auch so den Bürgerinnen und Bürgern kommunizieren. Wir können dem nur mit weiterer Nachwuchsförderung begegnen.

 

Noack: Glücklicherweise konnten wir vor einiger Zeit erreichen, dass das Landarztstipendium des Landes nochmals fortgesetzt wird. Die Zukunft des Förderprogramms ist jedoch ungewiss. Wir brauchen aber von der Landesregierung langfristig Perspektiven und Sicherheiten.

 

Ganz persönlich: Was hat Sie in den vergangenen Jahren besonders gefreut, was besonders geärgert?

Noack: Ich habe mich sehr über die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Haus gefreut, die vor allem während der Pandemie weit über normale Arbeitszeiten hinaus mitgezogen haben. Außerdem war die Zusammenarbeit mit dem Brandenburger Gesundheitsministerium gut. Wir konnten uns aufeinander verlassen. Die vielen sinnlosen Gesetze aus dem Hause Spahn waren ein Ärgernis. Und über die Krankenkassen haben ich mich geärgert: In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche gut etablierte Sonderverträge gekündigt, und im Pandemiemanagement haben sie sich gar nicht engagiert. Statt die Versorgung zu gestalten, wurde vieles blockiert.

 

Schwark: Mich hat gefreut, dass wir die Reform des Bereitschaftsdienstes umsetzen konnten. Außerdem war gut, dass die Honorarregelungen für Haus- und Kinderärzte deutlich entschlackt wurden und wir in der Verwaltung einen zentralen Mitgliederservice aufgebaut haben. In der Arbeit vor Ort und der Regionalbetreuung von Potsdam aus, sind wir leider nicht so weit gekommen, wie ich es mir gewünscht hätte. Mit der Diskussionsfreudigkeit in der Vertreterversammlung haben wir uns das Leben manchmal selbst schwer gemacht, indem unlängst getroffene Beschlüssen wieder und wieder aufgerufen wurden. Das hat aus der KVBB in manchen Punkten einen langsamen, schweren Tanker gemacht, obwohl wir eigentlich ein Schnellboot gebraucht hätten.

 

Rostek: Wir haben in der KVBB ein tolles, engagiertes Team, mit dem die Zusammenarbeit erfolgreich ist und Spaß macht. Und mich freut sehr, dass wir als „kleine“ KV Brandenburg in Fragen der Digitalisierung auf der bundespolitischen Bühne Gehör finden. Beim Ärgernis sind wir uns im Vorstand einig: Viele Gesetze, die unter Jens Spahn entstanden, sind vollkommen überflüssig und belasten Sie und uns. Sie haben die Versorgung keinen Deut verbessert, sondern waren nur politischer Aktionismus.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Christian Wehry

19.10.2022