Kluge Regelungen, um TSVG zu trotzen

Aktuell im Gespräch mit MUDr./ČS Peter Noack, Vorsitzender des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg

MUDr./ČS Peter Noack, Vorsitzender des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung BrandenburgIm Frühsommer 2019 soll das Terminservice- und Versorgungsgesetz, TSVG, in Kraft treten. Bereitet Ihnen das Gesetz eigentlich Sorgen?
Ja, weil es in vielerlei Hinsicht in die Abläufe unserer Praxen eingreifen wird. Damit es die ärztliche Freiberuflichkeit jedoch nicht zu stark gefährdet und auch die positiven Auswirkungen – die es durchaus gibt – für uns erschlossen werden können, brauchen wir kluge, auf Brandenburg zugeschnittene Regelungen etwa in der Honorarverteilung oder der Patientensteuerung. Doch diese müssen erst entwickelt, diskutiert und beschlossen werden. Dafür braucht es jedoch Zeit, die uns mit Blick auf die kurzen Fristen im Gesetz wahrscheinlich fehlen wird.

 

Medienwirksam forderte GKV-Vize Johann-Magnus Stackelberg kurz vor Weihnachten, dass Ärzte auch abends und am Wochenende Sprechstunden anbieten sollten. Was erwidern Sie auf solch populistische Forderungen?
Viele von uns arbeiten schon heute weit über 50 Stunden in der Woche. Und mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst zu den sprechstundenfreien Zeiten liefern wir Ärzte schon jetzt eine Versorgung rund um die Uhr, die wir künftig auch noch verbessern werden. Es ist daher eine bodenlose Frechheit, eine Ausweitung der Sprechzeiten zu fordern!

 

Wer mehr Leistungen fordert, muss diese auch bezahlen. Das vergessen die Krankenkassen mal wieder. Sie verweigern seit Jahren eine ausreichende Vergütung der ambulanten Versorgung ihrer Versicherten. Damit muss endlich Schluss sein und die Entbudgetierung angegangen werden.

 

Die Digitalisierung ist und bleibt ein Megathema im Gesundheitswesen. Welche Möglichkeiten und Chancen, aber auch Gefahren, sehen Sie darin für die Praxen?

Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein! Sie muss Ärzten und Patienten im Praxisalltag nützen, die Versorgung verbessern und dem Arzt die Arbeit erleichtern, damit dieser wieder mehr Zeit für seine Patienten hat. Und sie muss vor allem sicher sein. Wie wichtig das ist, haben die jüngsten Datenlecks einmal mehr bewiesen. Die Datensicherheit und der Schutz der Privatsphäre müssen deshalb ganz oben stehen. Denn niemand möchte seine Krankengeschichte auf Facebook nachlesen.

 

Klar ist aber auch: Die persönliche Arzt-Patienten-Beziehung ist das A und O unserer Arbeit und muss erhalten werden. Künstliche Intelligenz kann sicher schon viel, Empathie und Zwischenmenschlichkeit jedoch nicht.

 

Die Delegierten der Kammerversammlung der Landesärztekammer Brandenburg haben sich gegen die ausschließliche Fernbehandlung ausgesprochen. Ist diese Entscheidung ein Nachteil für die Niedergelassenen in Brandenburg?

Die Mehrheitsentscheidung der Kammerversammlung steht und ist zu akzeptieren. Ich glaube jedoch, dass uns hier die Zeit überholen wird. Warum sollten dauerhaft Ärzte anderer Bundesländer oder aus anderen Staaten unsere Patienten ausschließlich fernbehandeln und damit sogar Geld verdienen können?


Spätestens wenn diese Patienten nicht mehr in unsere Praxen und Kliniken kommen oder sich junge Kollegen gegen eine Tätigkeit in Brandenburg entscheiden, weil die Fernbehandlung hier nicht möglich ist, werden wir neu diskutieren müssen.

 

Herr Dr. Noack, vielen Dank für das Gespräch.


Die Fragen stellte Christian Wehry.

 

 

24.01.2019