Lotsin im Verordnungs-Dschungel

Marianna Kaiser war 24 Jahre bei der KVBB als Beratende Apothekerin tätig. Ende September geht sie in den (Un-)Ruhestand. Im Interview blickt sie zurück und nach vorn

Beratungen zu Verordnungsfragen, Fortbildungen oder Diskussionen an Ärzte-Stammtischen: Hätten Sie anfangs gedacht, dass Ihr Job als Beratungsapothekerin so vielseitig werden würde?

Doch, ich wusste, worauf ich mich einlasse. Ich war zuvor sechs Jahre bei einer Krankenkasse tätig. Das war sehr anspruchsvoll. Allerdings war da natürlich der Blick ein anderer, nämlich der des Kostenträgers. Davon wollte ich weg. Bei der Arbeit mit den Ärzten stand die Qualität der Versorgung im Fokus. Natürlich müssen die Verordnungen auch wirtschaftlich sein, aber es ging immer darum, auch die bestmögliche Lösung für den Patienten zu finden.

 

Sowohl Ärzte als auch KV-Kollegen kennen Sie als engagierte Verfechterin des Impfens. In Arbeitsgruppen, Kampagnen und auf Infoveranstaltungen haben Sie dafür geworben, mitunter auch gestritten. Warum liegt Ihnen das Thema so sehr am Herzen?

Impfungen gibt es seit über 250 Jahren – dennoch ist es erstaunlich, wie wenig viele Menschen darüber wissen. Unsere Ärzte impfen jeden Tag in ihren Praxen und tragen den  Impf-Gedanken in Aufklärungs- und Informationsgesprächen mit ihren Patienten in die Gesellschaft. Mein Bestreben war es, sie dafür mit möglichst vielen, aktuellen Informationen auszurüsten. Damit die Menschen nach dem Gespräch mit dem Arzt ihres Vertrauens eine fundierte Entscheidung zum Impfen treffen können.

 

Arzneimittelrückrufe, neue gesetzliche Vorgaben, Impfstoffmangel – in der Arzneimittelversorgung ist ständig Bewegung. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Das hat meine Arbeit doch erst so spannend gemacht! Man muss ständig am Ball bleiben, ein Tag ist nicht wie der andere. Neues zieht natürlich immer einen größeren Beratungsaufwand nach sich. Dann geht es darum, den Ärzten nicht nur zu erklären, dass etwas so ist, sondern auch warum das so ist. Meine Aufgabe war es, den Ärzten das System verständlich zu machen, damit sie sich im Verordnungs- Dschungel zurechtfinden.

 

Sie haben Ärzte bei Regressen beraten und bei Terminen vorm Prüfungsausschuss begleitet. Gibt es Momente, die davon besonders in Erinnerung geblieben sind?

Das sind die Regresse gegen Dialysepraxen aus den Anfangsjahren. Da ging es um Forderungen der Krankenkassen von bis zu einer halben Millionen DM, und natürlich standen da Existenzen auf dem Spiel. Wir haben einige dieser Praxen erfolgreich bis vors Sozialgericht begleitet.

 

Wer wird Ihre Nachfolge antreten?

Zunächst einmal bin ich sehr froh, dass meine Stelle nachbesetzt wurde. Frau Schuckert übernimmt meine Aufgaben. Sie ist seit fünf Monaten bei uns im Haus, und ich konnte sie in dieser Zeit sehr gut einarbeiten. Ich habe sie als hochmotivierte Kollegin schätzen gelernt.

  

Was geben Sie Frau Schuckert mit auf den Weg?

Ich hoffe, dass sie für ihre Arbeit das gleiche Engagement und Herzblut entwickelt, wie ich es hatte. Ich bin überzeugt, dass sie in den Gesprächen mit unseren Ärzten immer die nötige Empathie und das Fingerspitzengefühl findet, um Probleme schnell und zielgerichtet zu lösen. Und natürlich hoffe ich, dass sie für ihre Arbeit die notwendige Unterstützung aus dem Haus erhält.

 

Worauf freuen Sie sich in der kommenden KV-freien Zeit am meisten?

Endlich ganz ohne Zeitdruck intensiver meinen Hobbys zu frönen. Außerdem arbeite ich weiterhin ehrenamtlich in der Arbeitsgruppe „Impfen älterer Menschen“ des Bündnis Gesund Älter werden im Land Brandenburg mit. Das macht mir Spaß!

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Gefragt und notiert von Ute Menzel

 

 

Zu Risiken und Nebenwirkungen: Beratungen in Zahlen

In ihrer Zeit als KVBB-Beratungsapothekerin bestritt Frau Kaiser unter anderem:

  • 1.334 Beratungen über Statistik, Arznei- und Heilmittelverordnungen oder Prüfverfahren
  • 343 Erstberatungen für neue Vertragsärzte zum GKV-Leistungsrecht bei der Verordnung von Arzneimitteln, Heil- und Hilfsmitteln oder Medizinprodukten
  • 385 Veranstaltungen mit Vertragsärzten und medizinischem Fachpersonal zu allen Fragen rund um Arzneimittel
  • über 30 Sitzungen des Beschwerdeausschusses als zweite Prüfinstanz in der Wirtschaftlichkeitsprüfung der Vertragsärzte
  • zwei Klageandrohungen von Pharmaunternehmen, die erfolgreich abgewehrt wurden
29.09.2021