Neue Strukturen entlasten Kollegen

Aktuell im Gespräch mit Dipl.-Med. Andreas Schwark, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV BB, zum Bereitschaftsdienst 4.0

Foto: Dipl.-Med. Andreas SchwarkHerr Schwark, für die Mitglieder der KV Brandenburg, die Vertragsärzte, gilt ab 1. Oktober eine neue Bereitschaftsdienstordnung. Warum ist die notwendig?

Wegen unserer umfassenden Bereitschaftsdienstreform. Für die neuen Strukturen wie die Koordinierungsstelle, die Bereitschaftspraxen, den Einsatzarzt und den Fahrdienst gelten natürlich bestimmte Regeln. Und die müssen in der Bereitschaftsdienstordnung fixiert werden. Außerdem wurde ein Übergangsparagraf eingefügt, der das Nebeneinander von „alter und neuer Bereitschaftsdienst-Welt“ regelt.

 

Wie lief der Überarbeitungsprozess ab?

Da dies eine gemeinsame Bereitschaftsdienstordnung von Landesärztekammer und KV ist, gab es auf Verwaltungsebene eine gemeinsame Arbeitsgruppe. Diese hat den Änderungsbedarf diskutiert und Formulierungsvorschläge erarbeitet. Wir haben dies jedoch nicht im luftleeren Raum getan, sondern stets in engem Austausch mit den Regionalbeiräten vor Ort. Außerdem sind Erfahrungen anderer KVen mit eingeflossen.

 

War auch die Vertreterversammlung einbezogen?
Natürlich. Die gewählten Vertreter mussten schließlich darüber abstimmen. Das haben sie auf ihrer Sitzung im Juni getan und die neue Bereitschaftsdienstordnung mit großer Mehrheit – 27 Ja- und drei Nein-Stimmen – beschlossen. Der Landesärztekammer Brandenburg ist sie anschließend zur Beschlussfassung als gemeinsame Bereitschaftsdienstordnung zugeleitet worden. Hier steht die Abstimmung noch aus. Stand heute gilt die Bereitschaftsdienstordnung deshalb ab dem 1. Oktober nur für die Mitglieder der KVBB und nicht für alle Ärzte im Land.

 

Wie lief der Diskussions- und Entwicklungsprozess ab?
Wir haben unsere Vertreterversammlung und die Beratenden Fachausschüsse regelmäßig über die Bereitschaftsdienstreform informiert. Natürlich wurden auch die Regionalbeiräte und Bereitschaftsdienstbeauftragten einbezogen. Los ging es mit ersten Überlegungen und Meinungsbildungen bereits 2011. Ab 2012 wurden die ersten Bereitschaftspraxen, etwa in Potsdam und Cottbus, eröffnet. Das Gesamtkonzept hat die Vertreterversammlung 2017 auf Klausuren und Sitzungen beraten und abgestimmt. Wichtige Ergänzungsbeschlüsse aus ersten Erfahrungen folgten 2018. Auf der März-Sitzung in diesem Jahr erfolgte die erste Lesung der Neufassung der Bereitschaftsdienstordnung. Anregungen und Vorschläge der Vertreter sind in die Bereitschaftsdienstordnung eingeflossen.

 

Wie geht es mit der Umsetzung der Bereitschaftsdienstreform voran?
Damit sind wir weiterhin auf einem sehr guten Weg. Inzwischen sind zwölf ärztliche Bereitschaftspraxen an Krankenhäusern etabliert. Mitte August eröffneten wir die jüngste Praxis an der Oberhavel Klinik in Oranienburg. In diesem Jahr werden noch weitere Bereitschaftspraxen u. a. in Ludwigsfelde folgen. Mit der Eröffnung jeder neuen Praxis entlasten wir auch den bisherigen ärztlichen Bereitschaftsdienst, bilden größere Dienstbereiche und senken die Dienstbelastung für die Ärzte der Region erheblich. Dies erfolgt in Verbindung mit dem Ausbau unserer 116117-Koordinierungsstelle, die die Disposition der Patientenanrufe übernimmt.

 

Eine neue Säule im Bereitschaftsdienst sind die Einsatzärzte und der Fahrdienst. Wo gibt es sie bereits?
Einsatzärzte mit Fahrdienstunterstützung sind bereits in den neu gebildeten Bereitschaftsdienstregionen Elbe-Elster, Königs Wusterhausen und Spreewald unterwegs. Hauptsächlich werden die Einsatzärzte als Telefonarzt durch die Koordinierungsstelle eingebunden. In den Fällen, in denen ein Hausbesuch erforderlich ist, steht dem Einsatzarzt ein Fahrer mit Fahrzeug zur Verfügung. Einsatzarzt und Fahrdienst befinden sich während des Dienstes gemeinsam an einem zentralen Ort in der Bereitschaftsdienstregion, aktuell in Herzberg, Königs Wusterhausen und Lübbenau. Derzeit läuft die Fahrdienstausschreibung für die Region Frankfurt (Oder). Weitere werden folgen.

 

Wer entscheidet, ob ein Hausbesuch beim Patienten nötig ist?
Alle Patientenanrufe gehen zunächst bei unserer 116117-Koordinierungsstelle in Potsdam ein. Kommt der medizinisch geschulte Disponent nach einer standardisierten Abfrage zu dem Ergebnis, dass eine ärztliche Beurteilung nötig ist, um über die Versorgung des Patienten zu entscheiden, übermittelt er die Kontaktdaten und Resultate zur Ersteinschätzung des Patienten an den Einsatzarzt. Dieser setzt sich mit dem Patienten in Verbindung, bespricht das weitere Vorgehen und entscheidet, ob ein Hausbesuch notwendig ist.

 

Machen sich diese neuen Strukturen schon in der Versorgung bemerkbar?
Ja, denn es zeigt sich, dass nur 32 Prozent aller Anrufer ein dringendes Arztgespräch brauchen. Alle anderen Anrufe wickelte die Koordinierungsstelle ab. Ein Hausbesuch war nur bei 14 Prozent der Patienten nötig. Die diensthabenden Ärzte werden also spürbar entlastet und können so für größere Regionen als bisher den Bereitschaftsdienst übernehmen. Das wird dann natürlich auch besser bezahlt als im alten Bereitschaftsdienst.

 

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Regionalleitstellen?
Mit den Regionalleitstellen Lausitz, Eberswalde und Potsdam haben wir in unserer Koordinierungsstelle bereits drei elektronische Schnittstellen. Praktisch bedeutet das: Ruft ein Patient aus diesen Regionen die 116117 an und liegt tatsächlich ein Notfall vor, werden über diese Schnittstelle die Patientendaten direkt an die jeweilige Regionalleitstelle übermittelt und die Rettungskette ausgelöst. Gleiches gilt natürlich auch umgekehrt für Anrufe auf der 112, die Akut- aber keine Notfälle sind. Diese elektronische Schnittstelle werden wir auch noch mit den zwei weiteren Regionalleitstellen in Brandenburg (Stadt) und Frankfurt (Oder) realisieren.

 

Besteht die Pflicht zum Bereitschaftsdienst immer noch?
Ja, laut Bereitschaftsdienstordnung schon. In den ärztlichen Bereitschaftspraxen werden bisher jedoch alle Dienste ausschließlich freiwillig besetzt. Und auch in den neu geschaffenen größeren Dienstbereichen bis hin zu den neu geschaffenen Einsatzbereichen nimmt der Anteil freiwillig übernommener Dienste deutlich zu. Das Ziel der weitgehenden Freiwilligkeit ist also erreichbar!

 

Wie sieht Ihr Zwischenfazit aus?
Bereitschaftsdienst 4.0 ist die richtige Lösung, um die Versorgung von Akutpatienten im Rahmen unseres ambulanten Sicherstellungsauftrags zu verbessern und gleichzeitig die Brandenburger Ärzte erheblich vom Bereitschaftsdienst zu entlasten. Und auch die primär der Notfallversorgung dienenden Strukturen im Rettungsdienst und den Krankenhäusern werden entlastet. Dies sind in unserem Flächenland sehr wichtige Beiträge für eine zukunftssichere medizinische Versorgung.

 


Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Ute Menzel

 

 

 

27.08.2019