Personale Medizin, praxisorientiert, regional verwurzelt

Aktuell im Gespräch mit Prof Ulrich Schwantes, Facharzt für Allgemeinmedizin, Delegierter zum Deutschen Ärztetag in Nürnberg

Mit wieviel Schwung und neuem Selbstbewusstsein startet der Hausarzt Prof. Schwantes nach Nürnberg wieder in den Praxisalltag?

 

Schwungvoll wie eh und je. Die Arbeit mit und für die Patienten macht einfach Spaß. Nach den Tagen mit langen Sitzungen und zum Teil intensiven Diskussionen tut es gut, sich wieder den eigentlichen ärztlichen Aufgaben zu widmen und sich den hausärztlichen Herausforderungen zu stellen.

 

Der Deutsche Ärztetag hat sich intensiv mit der Allgemeinmedizin beschäftigt. Sind Ihre Erwartungen erfüllt?

 

Einerseits ja. Der Entschließungsantrag zur Rolle des Hausarztes in der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung wurde einstimmig angenommen. Das war eine wohltuende Wertschätzung für die leider oft unterschätzte Arbeit der Hausärzte. Kritische Stimmen zu den strukturellen Defiziten fanden gleichwohl Gehör.

 

Und andererseits?

 

Da wurde mir zu klaglos hingenommen, dass es nun doch keinen Pflichtabschnitt für Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr gibt. Das PJ ist Teil des Studiums und nicht – wie manche Studierende meinten – ein Laufsteg, auf dem sich ein paar klinische Fächer präsentieren dürfen. Hier hätte ich mir gewünscht, dass der Vorstand der BÄK sich ebenfalls eindeutig zur besonderen Rolle der Allgemeinmedizin bekannt hätte.

 

Mit Verlaub, Herr Prof. Schwantes, Sie sind ein Hausarzt der „alten Schule“. Was halten Sie von der Diskussion über das neue ärztliche Berufsverständnis?

 

Den Wunsch nach einer ausgewogenen  „Work-Life-Balance“, wie es heutzutage heißt, kann ich ja verstehen, auch den Ruf nach familienfreundlichen Arbeitsplätzen. Manchmal kommt mir bei den Diskussionen aber der Blick auf die Verantwortung zu kurz, die zumindest für den Hausarzt auch dann bleibt, wenn alles medizinische Latein am Ende ist. Es bleibt immer die Mensch-zu-Mensch-Beziehung, die Zuwendung des Arztes zu seinem Patienten. Das steht aber nicht im Widerspruch zu einem „neuen Berufsverständnis“.

 

Sie bilden junge Mediziner in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in Ihrer Praxis aus. Welche Erfahrungen machen Sie dabei und decken die sich mit der gesellschaftlichen Diskussion?

 

Es ist eine Bereicherung, sich den Fragen der jungen Kolleginnen und Kollegen zu stellen. Ich hoffe, dass sie auf ihrem Weg zum Allgemeinarzt von meinen Erfahrungen profitieren können. Der Wandel in den Einstellungen ist wahrnehmbar. Das hat aber nichts mit der Qualität zu tun. Man muss eben andere Organisationsformen finden. Weniger Einzelkämpfer. Mehr Kooperationen. Das ermöglicht, auch bei überschaubaren Arbeitszeiten ohne Abstriche – eben hausärztlich für den Patienten da zu sein.

 

Brandenburg trägt nach wie vor die Rote Laterne bei der Anzahl der Hausärzte. Wo muss aus Ihrer persönlichen Sicht angesetzt werden, um diesen Zustand zu beseitigen?

 

Erstens müssen wir dem ärztlichen Nachwuchs durchaus mit Stolz die anspruchsvollen Aufgaben eines Hausarztes aufzeigen.  Zweitens müssen wir aber auch das Studium bereits so anlegen, dass es eine Ausbildung zum Arzt auf wissenschaftlicher Grundlage und nicht umgekehrt eine Ausbildung zum Wissenschaftler mit ärztlichem Hintergrund wird. Dann braucht es eine Weiterbildung aus einem Guss, am besten in einem Netzwerk, das die verschiedenen Abschnitte der Weiterbildung aneinander gereiht ermöglicht. Familienfreundlich; denn Weiterbildungszeit ist für die meisten auch Familienplanungszeit. Wenn Aus- und Weiterbildung mit regionaler Anbindung geschehen, sollten sich soziale Wurzeln bilden können, die auch zu einer Haftung in Brandenburg führen könnten. Ich hoffe, dass eine Medizinische Hochschule in Brandenburg, an deren Planung ich mich beteiligen darf, positiv dazu beitragen kann. Personale Medizin, praxisorientiert, regional verwurzelt.

 

Sie nannten unter anderem die Weiterbildungsnetzwerke. Irgendwie scheinen Sie aber noch nicht so richtig zu funktionieren, oder täuscht der Eindruck?

 

Täuscht nicht. Sie sind nicht im Fokus der Studienabgänger. Außerdem beginnen die meisten von ihnen erst mal die Weiterbildung  in einem Neigungsfach und entscheiden sich später für die Allgemeinmedizin. Dann ist ein größerer Teil der Weiterbildungszeit bereits vorbei.

 

Wie ist das zu verändern?

 

Wir müssten also schon während des Studiums die Allgemeinmedizin zu einer denkbaren Option werden lassen. Die Weiterbildungsnetzwerke müssten aber auch so flexibel sein, dass eine restliche Zeit ebenfalls nach den noch erforderlichen Inhalten koordiniert werden kann.

 

Der Hausärzteverband Brandenburg hat sich neu gegründet. Wo setzt das Vorstandsmitglied Schwantes die Schwerpunkte?

 

Wir wollen die Berufsvertretung der Hausärzte eines Flächenlandes sein. Die Strukturen und Probleme unterscheiden sich gewaltig von denen eines Stadtstaates. Wir wollen Ansprechpartner in allen Bezirken etablieren, die vor Ort arbeiten. Dort sind sie unmittelbar mit den Problemen konfrontiert. Der Verband wird die Ergebnisse bündeln und zur Lösung an die entsprechenden Stellen heran tragen. Politik, Krankenkassen, andere Berufsverbände, aber auch die KV. Wir hoffen, Fehlentwicklungen nicht nur rasch zu erkennen, sondern werden sie dann auch eindeutig benennen.

 

Haben Sie da schon etwas Konkretes im Blick?

 

Wir erwarten beispielswesie, dass bei der Etablierung von Bereitschaftsdienstpraxen die Hausärzte frühzeitig einbezogen werden. Wir wollen eine angemessene Honorierung sichern: fallbezogen, quartalsbezogen ohne die jetzige, kaum noch zu verstehende Rechnerei. Wir unterstützen die medizinische Ausbildung. Qualifizierte Lehrpraxen für Praktikum, Famulaturen und PJ. Weiterbildungsnetzwerke unter hausärztlicher Führung. Hausärztliche Fortbildung mit Zuschnitt auf die Bedürfnisse der Praxis.

 

Noch in diesem Jahr finden Wahlen zur Landesärztekammer statt. Was hat sich der Hausärzteverband vorgenommen?

 

Wir treten mit der Liste „Hausärzte Brandenburg“ an und werben dafür, sich tatsächlich auf die brandenburgischen Belange zu konzentrieren – und auf die hausärztlichen Belange. Wir erwarten, dass die Hausärztinnen und Hausärzte diese Klarheit honorieren. In die Delegiertenversammlung der Landesärztekammer gehört eine starke hausärztliche Fraktion. Listen, die bei ihrer Bildung schon Koalitionskompromisse eingehen verschleiern bereits vorab ihren Fokus. Koalitionen werden erst im Parlament gefunden und mit ihnen tragfähige Kompromisse; auf Dauer oder auch nur für bestimmte Fragen.

 

Herr Prof. Schwantes, vielen Dank für dieses Gespräch

Die Fragen stellte Ralf Herre

11.06.2012