TSVG: Wir müssen die Chance nutzen – für uns!

Das kürzlich verabschiedete Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) wird die ärztliche Arbeit in den Praxen und auch in der Verwaltung der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) verändern. Was wird gut? Und was wird schlecht? „KV-Intern“ hat die drei Vorstände der KVBB gefragt

MUDr./ČS Peter Noack, Vorsitzender des Vorstands


Aus ärztlichen Standesorganisationen, Berufsverbänden und Kollegen an der Basis hagelt es nach wie vor massive Kritik am TSVG. Zu Recht?
Ja, zu Recht, denn es gibt viele Punkte im Gesetz, die überflüssig oder kontraproduktiv sind. Seien es die längeren Sprechzeiten oder die unsäglichen Eingriffe in die Selbstverwaltung. Das TSVG löst auch nicht die dringenden Versorgungsprobleme. Weder geht es die chronische Unterfinanzierung der ambulanten Medizin an noch steigert es die Attraktivität der Niederlassung. Allerdings kann und möchte ich den Pessimismus, der sich unter vielen Kollegen breit zu machen scheint, nicht ganz teilen. Denn das Gesetz bietet für uns auch Chancen. Jahrelang haben wir eine Patientenkoordination nach medizinischer Notwendigkeit gefordert. Nun können wir diese auch über die 116117 einführen. Das ist für uns die Chance, uns einmal mehr als Gestalter der ambulanten medizinischen Versorgung zu etablieren. Denn es ist für Patienten schwierig, sich in unserer Versorgungslandschaft zurechtzufinden. Die Politik traut es uns zu, dass wir es leisten können, Patienten in das für sie passende Versorgungsangebot zu lenken. Das Know-how dafür haben wir. Die
Chance müssen wir nutzen.


Das TSVG bringt mehr Service und einen schnelleren Zugang zum Arzt für die Patienten. Für Sie und Ihre Kollegen bringt es mehr Sprechstunden, mehr Arbeit und damit mehr Geld?
Jein. Herr Spahn hat von Anfang an gesagt: Mehr Leistung muss mehr Geld für Ärzte bringen. Und er hielt und hält daran fest – trotz Kritik aus der Opposition und von den Krankenkassen. Die Entbudgetierung oder zumindest den Ausstieg aus den Budgets hat er jedoch nicht geschafft. Dies war politisch wohl nicht durchsetzbar. Dennoch gibt es zusätzliches Geld: für Neupatienten, für die offenen Sprechstunden, für die Vermittlung von dringenden Terminen durch Hausärzte oder für die Behandlung nach Vermittlung über die Terminservicestelle durch extrabudgetäre Vergütung und Zuschläge. Das ist gut, und es ist ein wichtiges Signal. Es kann keine unbegrenzten Leistungsversprechen ohne die entsprechende Gegenfinanzierung geben.


Dipl.-Med. Andreas Schwark,
Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands


25 statt 20 Sprechstunden pro Woche. Was bringt das dem gesetzlich versicherten Patienten?

Nichts. Nicht eine Minute mehr Arztzeit! Die meisten Kollegen bieten längst mehr als 20 Sprechstunden pro Woche an. Und was der Gesetzgeber dabei komplett ausblendet: Die Kollegen sind auch neben der eigentlichen Sprechstunde für ihre Patienten da. Sie fahren Hausbesuche, betreuen Bewohner in Pflegeheimen oder Hospizen. Auch das ist ein wichtiger Bestandteil des Praxisalltags, der sich – zugegeben – nicht auf dem Schild mit den Sprechzeiten widerspiegelt.

Zudem nimmt auch die Bürokratie in den Praxen stetig zu. Auch diese Arbeit muss von den Ärzten erledigt werden – zusätzlich zu den Sprechstunden.


Wie bewerten Sie das Mitberatungsrecht der Länder in den Zulassungsausschüssen von KVen und Krankenkassen?
Das ist ein eklatanter Eingriff in funktionierende Strukturen der gemeinsamen Selbstverwaltung. Die Länder sollen ja zudem auch das Recht erhalten, Zulassungen in ländlichen Regionen zu beantragen und damit direkt in die Bedarfsplanung einzugreifen. Das zeugt von Misstrauen und hat schon ein Geschmäckle von Staatsmedizin – keine gute Basis für eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit.

 

Holger Rostek,
Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands


Was kommt mit dem TSVG auf die Verwaltung der KV Brandenburg zu?

Ein erheblicher personeller, finanzieller und technischer Aufwand. Für die 24/7-Erreichbarkeit von Terminservicestelle und Koordinierungsstelle unter der 116117 müssen bestehende Strukturen ausgebaut und neue aufgebaut werden. Mit unserer Koordinierungsstelle haben wir bereits gute Grundlagen gelegt, darauf müssen wir jetzt aufsetzen. Allerdings hat uns der Gesetzgeber dafür nur ein äußerst knappes Zeitfenster eingeräumt. Spätestens ab 1. Januar 2020 muss das neue Angebot – rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr – stehen. Das ist nicht nur sehr sportlich, sondern auch überzogen.


Das TSVG überträgt die Verantwortung für die Interoperabilität der elektronischen Patientenakte der KBV. Eine gute Idee?

Ja! Es ist zwingend notwendig, dass es einheitliche Standards gibt, die für Patienten, Ärzte, Kliniken, Apotheken oder Krankenkassen gleichermaßen zugänglich sind. Das KV-System weiß, worauf es dabei in der Versorgung der Patienten ankommt, wir können diese Standards definieren. Dies tun wir natürlich nicht im luftleeren Raum, sondern in Abstimmung mit allen beteiligten Akteuren und IT-Experten. Wichtig dabei ist, dass wir unsere Ärzte und Psychotherapeuten im Blick behalten. Die standardisierte elektronische  Patientenakte muss Vorteile im Versorgungsalltag bringen. Datenzugriff und -austausch müssen schneller gehen als bisher. Es muss einen klaren Mehrwert geben.












17.04.2019