Vom Ausnahme- in den Regelbetrieb kommen

Aktuell im Gespräch mit Dr. Peter Noack, Vorstandsvorsitzenderder Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB), zur Corona-Impfkampagne

 Dr. Peter Noack, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB)Die KVBB fordert einen Übergang der Impfungen von den Impfzentren in die Arztpraxen. Warum?
Zum einen weil es einen entsprechenden Beschluss unserer Vertreterversammlung gibt. Auf einer Sondersitzung  am 21. April sprachen sich die Vertreter einstimmig dafür aus, meine Vorstandskollegen und mich zu beauftragen, Verhandlungen mit dem Land Brandenburg aufzunehmen, um das Impfen in den Impfzentren schnellstmöglich zu beenden. Laut unserer jüngsten Umfrage entspricht dies auch dem Wunsch der Mehrzahl der Kolleginnen und Kollegen.

 

Zum anderen wird es zunehmend schwieriger, Kollegen für Dienste in den Impfzentren zu gewinnen. Viele impfen bereits in ihren Praxen, neben der Regelversorgung ihrer Patienten. Die Belastung, darüber hinaus auf längere Sicht auch noch in den Impfzentren zu arbeiten, ist einfach zu hoch. Auch für Ärzte und ihre Praxismitarbeiter hat der Tag nur 24 Stunden.

 

Wie läuft das Impfen in den Praxen?
Sehr gut. Inzwischen wird in rund 1.500 Brandenburger Praxen regelmäßig geimpft. Das sind vor allem Hausärzte, aber auch immer mehr Facharztkollegen steigen ein. Das zeigt sich auch an den Impfzahlen, die Woche für Woche steigen. Allein in der ersten Mai-Woche wurden 75.600 Impfungen in den Arztpraxen verabreicht. Die Praxen haben das Potential, die Zahlen zu verdoppeln. Die Voraussetzung ist, dass es ausreichend Impfstoff gibt und die Kolleginnen und Kollegen Planungssicherheit haben. Hier müssen Bund und Land dringend besser und zuverlässiger werden.

 

Gibt es schon Pläne, wann und wie die Impfungen von den Zentren in die Praxen verlagert werden können?
Wir wollen die Impfzentren schnellstmöglich schließen und einen geordneten Übergang in unsere Praxen ermöglichen. So lautete unsere Forderung auf dem Impfgipfel mit dem Ministerpräsidenten am 10. Mai. Beschlossen wurde, dass der Betrieb auf jeden Fall bis zum 31. Juli fortgesetzt wird. Danach haben die Kommunen die Möglichkeit, die Verantwortung für die Impfzentren zu übernehmen.

 

Der Impfgipfel wurde von den Medien im Land Brandenburg sehr hochstilisiert. Bitte beschreiben Sie kurz die Stimmung.
Der Gipfel war sehr lang. Wir haben über vier Stunden diskutiert und gestritten. Es war ein sehr kritisches, aber auch sehr konstruktives Gespräch. Wir waren anfangs sehr unterschiedlicher Meinung, konnten uns aber annähern. Denn wir verfolgen alle dasselbe Ziel: Wir wollen die Menschen im Land Brandenburg schnellstmöglich impfen. Der Weg dahin wird jedoch unterschiedlich bewertet. Als niedergelassener Arzt und Vorsitzender der KVBB habe ich dazu eine ganz klare Meinung: Die Herdenimmunität erreichen wir schnellstmöglich mit Impfungen in den Praxen landesweit.

 

Warum ist das Impfen in den Praxen die bessere Alternative?
Mir scheint, dass in der aktuellen Diskussion ein entscheidender Punkt vergessen wird: Das Impfen in den Praxen ist die Regel, die Impfzentren sind die Ausnahme! Von den Kollegen werden Jahr für Jahr tausende Menschen gegen Grippe geimpft. Tetanus-, Masern- oder Windpockenimpfungen werden Tag für Tag in märkische Praxen verabreicht. Das ist unser Tagesgeschäft. Unsere Patienten kennen und vertrauen uns. Die Impfzentren hatten anfangs ihre Berechtigung, als der Impfstoff noch sehr knapp war und die Logistik sich noch einspielen musste. Diese Phase ist jedoch überwunden. Es ist deshalb Zeit, die Impf-Ressourcen dort zu bündeln, wo sie am effektivsten wirken können – in unseren Praxen.

 

Was spricht denn eigentlich gegen einen Parallelbetrieb?
Darauf weise ich seit Langem hin und habe es auf dem Impfgipfel mehrmals angesprochen: Wir Ärzte können uns nicht teilen. Entweder impfen wir an einem Tag in unserer Praxis oder im Impfzentrum. Leider scheint die Politik dieses wichtige Argument nicht ernst zu nehmen. Auch wurde unserem Vorschlag nicht gefolgt, mehr Ärzte in zwei großen Impfsträngen in die Impfkampagne einzubinden: Angestellte und Niedergelassene in MVZ und Arztpraxen impfen in den Praxen und Ärzte in Rente, Freiwillige und Krankenhausärzte helfen den Kommunen bei ihren Impfungen.

 

Und wie geht es jetzt weiter?
Das wollen wir gemeinsam mit Vertretern von Berufsverbänden bei einem ‚ärztlichen Impfgipfel‘ mit der Landesregierung diskutieren. Eine Einladung haben wir an Ministerpräsident Woidke und Innenminister Stübgen geschickt. Eine Rückmeldung steht bisher aus. Wir werden jedoch unabhängig davon über eine Abgabe der Impfzentren an die Kommunen noch vor dem 31. Juli 2021 reden.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

26.05.2021