„Von der Pike auf gelernt“

Aktuell im Gespräch mit Dr. med. Hans-Joachim Helming, scheidender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg

Sie gehen als Deutschlands dienstältester KV-Chef von Bord. Wie hat sich die Arbeit der KV Brandenburg in 26 Jahren verändert?
In einem Satz: In Etappen radikal! Das, was in den 90er Jahren die Arbeit der KV als Ehrenamt bestimmte, war im Kern berufs- und standespolitisch dominiert. Für die operativen Aufgaben gab es eine von einem Hauptgeschäftsführer geführte Verwaltung. Somit war viel Raum für kollegennahe Arbeit. Das heißt, man konnte als Vorstand viele Ärzteversammlungen besuchen und sich mit den Kollegen austauschen. Daneben waren die fachlichen Einflussnahmen auf das Geschäft der gemeinsamen Selbstverwaltung – also der Zusammenarbeit mit den Krankenkassen – ein Schwerpunkt der Aufgaben. Der ehrenamtliche Vorstand bestand aus sieben Mitgliedern zuzüglich der drei Verwaltungsstellenleiter.


Was änderte sich mit der Hauptamtlichkeit?
Dann gefiel es der Politik, die KV-Vorstände zu verhauptamtlichen und die Vorstandsgröße auf maximal drei Mitglieder zu reduzieren. Die Hauptgeschäftsführer wurden abgeschafft, denn der hauptamtliche Vorstand war nun auch persönlich haftend für diese Aufgabenbereiche zuständig und verantwortlich. Da wir in Brandenburg von der Pike auf gelernt hatten, war dies in enger Zusammenarbeit mit unseren höchstkompetenten Verwaltungsmitarbeitern auch möglich.

Nur einen Nachteil gab es: Der Nobelpreis konnte bis heute nicht für die Entdeckung des 48-Stunden-Tages vergeben werden! Der wäre aber erforderlich gewesen, wenn dieser auf drei Mitglieder reduzierte Vorstand neben den neuen Verwaltungszuständigkeiten auch weiterhin den intensiven Kollegenkontakt hätte pflegen sollen. In der Folge fühlten sich trotz der Anstrengungen der drei Vorstandsmitglieder die Kollegen vernachlässigt, sich nicht mehr verstanden und vertreten. In diese Lücke grätschten dann  Verbandsfunktionäre mit hausärztlichem Hintergrund. Ergebnis war die schrittweise Dissoziation der Mitglieder von ihrer Interessenvertretungsstruktur.

 

Sie haben die KVBB maßgeblich geprägt. Was waren Ihre persönlichen Meilensteine in der Arbeit als KV-Vorsitzender?
Das muss in den jeweiligen Entwicklungsphasen betrachtet und bewertet werden. Natürlich lag in der Aufbauphase der Schwerpunkt bei dem Erlernen des Einmaleins des Handwerks. In dieser Zeit trotz des Neulandes einen qualifizierten Umbau des ambulanten Gesundheitssystems von poliklinischen zu selbständigen Strukturen hinzubekommen, ohne dass es jemals Kritik an der gesundheitlichen Versorgung gab,  das war schon eine Meisterleistung! Daneben mussten die strukturellen und finanziellen Grundlagen geschaffen werden, damit wir in den neuen Bundesländern nicht irgendwie abgespeist wurden. Ansätze dazu gab es nämlich reichlich. Dies führte unter anderem zur Überlegung, eine eigene Ost-KBV aufzubauen und zu den überaus erfolgreichen, heute nicht mehr vorstellbaren, ostdeutschen Kassenärztetagen mit mehreren Tausend Teilnehmern!


Wie ging es weiter?
In der Konsolidierungsphase ging es dann darum, auf der Basis der Seehoferschen Budgetierung eine einigermaßen gerechte Honorarverteilung zu entwickeln. Der Fachgruppen-Honorarverteilungsmaßstab wurde von mir entwickelt und über die Jahre zur grundlegenden Verteilungssystematik in allen KVen der Bundesrepublik. Letztlich ist dieses Grundprinzip heute Grundlage der gesetzlich vorgegebenen Budgetverteilung.


Welche Herausforderung gab es noch?
Es galt, die immer drängender werdenden Sicherstellungsprobleme in Brandenburg mit geeigneten Methoden zu lösen. Mehr Ärzte kamen nicht zu uns, um die immer älter und morbider werdende Bevölkerung zu versorgen. Mehr Geld gab es auch nur begrenzt – also mussten neue Wege erdacht und umgesetzt werden. Das Sicherstellungsstatut wurde entwickelt und beschlossen, und über die Jahre entwickelten wir daraus das RegioMed-Konzept einschließlich der agneszwei, die in dem ebenfalls in dieser Zeit entwickelten Joint Venture mit AOK und BARMER umgesetzt wurde.


Auf was sind Sie besonders stolz?

Das Herausragendste in dieser Phase war die Idee und die Beschaffung der europäischen Bereitschaftsdienst-Rufnummer 116 117! In nur fünf Jahren intensiver Lobbyarbeit in Brüssel gelang es, diese Rufnummer von der Europäischen Kommission für diesen sozialen Dienst zugeteilt zu bekommen und in weiteren zwei Jahren in Deutschland zu etablieren!


Und worüber haben Sie sich am meisten geärgert?
Die alte Regel „Wo viel Licht, da viel Schatten“ kommt ja nicht von ungefähr. Es gibt immer wieder Neider, die sich entweder mit fremden Federn schmücken oder versuchen, den Erfolg zu relativieren, indem man den Akteur in Misskredit bringt. Aber ehrlich: Auch das hat seine zwei Seiten! Wer kann schon von sich behaupten, in seiner aktiven Zeit drei Mal auf der Seite 1 der BILD gewesen zu sein? Was sind manche Promis bereit, dafür an Verrenkungen und Skandälchen zu produzieren!


Ärgerlich habe ich es allerdings besonders empfunden, wenn ich mit meinen strategischen Visionen bereits die Weichen für den Zug stellen wollte, während die Fahrgäste noch am Fahrkartenschalter standen und überlegten, wohin sie denn überhaupt fahren wollten.


Brandenburg war und ist das Bundesland mit der geringsten Arztdichte und der höchsten Zahl an alten und behandlungsintensiven Patienten. Welche Ratschläge geben Sie vor diesem Hintergrund dem neuen Vorstand mit auf den Weg?
Wir sind mit dem RegioMed-Konzept auf genau dem richtigen Weg, die erkennbaren Herausforderungen der nächsten Jahre zu meistern. Es muss weiterentwickelt und für jeden erlebbar werden. Und nicht nur dazu braucht man echte Partner, die mit einem gemeinsam diese Aufgaben lösen und nicht nur Lippenbekenntnisse abgeben.


Wenn also die erfolgreiche Strukturpolitik und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit regionalen Krankenkassen und der Landespolitik fortgesetzt wird, wenn also das Kern-Leitmotiv der Unverzichtbarmachung der KV auch in Zukunft die tragende Philosophie der KVBB sein wird, dann bin ich davon überzeugt, dass die KV auch in den nächsten Jahren ein schwergewichtiger Akteur im Gesundheitswesen und damit ein starker Vertreter der Interessen der Brandenburger Ärzte und Psychotherapeuten bleibt.


Wie sehen Ihre weiteren persönlichen Pläne aus?

Zunächst hatte ich mir vor etwa drei Jahren vorgenommen, mit Ende dieser Amtsperiode dem Workaholismus abzuschwören und mehr Zeit für die angenehmen Dinge des Lebens zu haben. Wie es aber immer so mit den guten Vorsätzen ist ... Nachdem ich ebenfalls vor etwa drei Jahren die Profilmigration des Sana-Krankenhauses in Templin entwickelt hatte und KV und KV-COMM dieses Projekt so erfolgreich in die Regelversorgung überführt hatten, wurde daraus mehr. Nun wird eine Struktur-Migration der gesundheitlichen Versorgung in der ganzen Region weit mehr als nur die geriatrische Versorgung optimieren und mittelfristig auf völlig neue Fundamente stellen, so dass langfristig eine qualitativ hochwertige, bedarfsgerechte und wirtschaftliche Versorgung der Menschen dort gewährleistet werden kann. Das ist wieder Neuland – wie nach der Wende. Das motiviert, wieder etwas neues, bisher unbekanntes aufzubauen; und schon war es das mit dem „Trockenwerden“!

 

Die Fragen stellte Christian Wehry

 


Zur Person: Dr. med. Hans-Joachim Helming hat im April 1990 in Werder/Havel die KV als eingetragenen Verein mit gegründet und ist zum Vorstandsmitglied gewählt worden. Im Dezember 1994 übernahm der Facharzt für Gynäkologie den Vorstandsvorsitz. Seit 2005 führte er die KV Brandenburg gemeinsam mit zwei Vorstandskollegen hauptamtlich.

21.12.2016