Von zwei Drittel der Anrufe entlastet

Die Umsetzung des Konzeptes Bereitschaftsdienst 4.0 ist in vollem Gange. Was schon geschafft ist und wie es weitergeht, fragte „KV-Intern“ den stellvertretenden KVBB-Vorsitzenden Dipl.-Med. Andreas Schwark.

Foto: Dipl.-Med. Andreas SchwarkHerr Schwark, was schätzen Sie persönlich am Dienst in einer ärztlichen Bereitschaftspraxis?

Seit Eröffnung unserer Bereitschaftspraxis in Bernau übernehme ich dort Dienste. Früher hatte ich ganze Nächte beziehungsweise Tage Bereitschaft. Jetzt bin ich zu den festen Sprechzeiten in der Bereitschaftspraxis. Sind die vorbei, ist auch für mich Feierabend. Mit Blick auf meine Kollegen schätze ich, dass ich sie durch meinen Dienst in der Praxis im Bereitschaftsdienst entlaste. Für meine Patienten finde ich wichtig, dass sie jetzt mit der Bereitschaftspraxis eine feste Anlaufstelle für Akutbehandlungen außerhalb der Sprechzeiten haben.

 

Wie zufrieden sind Sie mit dem aktuellen Umsetzungsstand von Bereitschaftsdienst 4.0?

Sehr zufrieden. Neun Bereitschaftspraxen sind landesweit bereits an Krankenhäusern etabliert und bewähren sich in der Patientenversorgung zu den sprechstundenfreien Zeiten. In zwei Praxen sind neben dem allgemeinärztlichen auch fachärztliche Dienste integriert: in Cottbus der kinderärztliche und der HNO-ärztliche, in Rüdersdorf der kinderärztliche Bereitschaftsdienst. Die Koordinierungsstelle der KVBB übernimmt bereits für die Bereiche Königs Wusterhausen/Rangsdorf, Bernau und Eberswalde sowie Templin unter der 116117 die Patientensteuerung.

 

Wie funktioniert die Patientensteuerung durch die KVBB-Koordinierungsstelle?

Patienten, die aus diesen Regionen die 116117 anrufen, erreichen unsere Koordinierungsstelle in Potsdam. Medizinisch geschultes Personal bewertet und disponiert diese Anrufe. Aus Königs Wusterhausen gingen bis Ende 2018 über 7.000 Anrufe in unserer Koordinierungsstelle ein, beispielsweise im vergangenen Dezember über 700. Zwei Drittel der Anrufer wurde durch die Koordinierungsstelle selbst bearbeitet: Sie wurden an die Bereitschaftspraxis verwiesen oder erhielten eine Auskunft beispielsweise zur nächstgelegenen Apotheke. Nur ein Drittel der Anrufer musste an den Einsatzarzt vermittelt werden.

 

Das heißt, der diensthabende Arzt wurde von 70 Prozent der Patientenanrufe entlastet. Und die Patienten erhielten genau die Hilfe, die medizinisch notwendig war.

 

Auch im augenärztlichen Bereitschaftsdienst gab es zu Jahresbeginn Neues?

Richtig. Der augenärztliche Bereitschaftsdienst ist seit 1. Januar im gesamten Land Brandenburg unter einer gemeinsamen Rufnummer erreichbar. Alle Anrufe gehen bei der KVBB-Koordinierungsstelle ein und werden durch die Mitarbeiter disponiert. Für die ärztlichen Kollegen sowie die Mitarbeiter der Koordinierungsstelle steht ein Augenarzt als telefonischer Ansprechpartner zur Verfügung. Zudem gibt es zu den bestimmten Dienstzeiten vier Präsenzpraxen.

 

Welches sind die nächsten Meilensteine?

Wir wollen sechs weitere Bereitschaftspraxen ans Netz bringen, so dass es am Jahresende insgesamt 15 sind. In diesem Zuge bauen wir auch die Patientensteuerung durch unsere Koordinierungsstelle aus. Denn für jede Bereitschaftsdienstregion, in der eine ärztliche Bereitschaftspraxis eröffnet wird, übernimmt unsere Koordinierungsstelle die Disposition der Patientenanrufe. Zudem werden wir die Fahrdienst-Unterstützung ausbauen. Die Ausschreibung für die Region Spreewald läuft bereits. Denn für jede neue Bereitschaftsdienstregion in der eine ärztliche Bereitschaftspraxis eröffnet wird, werden Bereitschaftsdienstbezirke zusammengelegt.

 

Stichwort Fahrdienst. Bei der geplanten Bereitschaftspraxis in Herzberg (Elster) geht die KVBB ja auch neue Wege?

Stimmt. Wir werden in Herzberg länderübergreifend zusammenarbeiten und kooperieren mit den Kollegen im benachbarten Sachsen-Anhalt, die vorrangig den Fahrdienst übernehmen.

 

Ein wesentlicher Aspekt des Bereitschaftsdienstes 4.0 ist die Zusammenarbeit mit den Regionalleitstellen. Wie klappt die bisher?

Mit der Regionalleitstelle Lausitz hat unsere Koordinierungsstelle bereits eine elektronische Schnittstelle. Ist ein Anrufer aus dieser Region tatsächlich ein Fall für den Rettungsdienst, werden über diese Schnittstelle seine Daten an die Leitstelle übermittelt und direkt die Rettungskette ausgelöst. Unsere bisherigen praktischen Erfahrungen damit sind durchweg positiv. Das ist eine neue Qualität der Zusammenarbeit, die übrigens auch bundesweit interessiert registriert wird, wie ich jüngst auf einer Veranstaltung der KBV erlebt habe. Im Laufe des Jahres wollen wir mit allen fünf Regionalleitstellen im Land Brandenburg solche elektronischen Schnittstellen einrichten.

 

Wie bewerten die Kollegen vor Ort die Pläne?

Die Kollegen vor Ort unterstützen uns. Viele fragen bei uns nach, wann es in ihrer Region endlich eine Bereitschaftspraxis geben wird. Die Dienste in den Bereitschaftspraxen stoßen auf eine hohe Akzeptanz. Und die Entlastung von Patientenanrufen durch unsere Koordinierungsstelle ist ein weiteres großes Plus, das die Kollegen vor Ort deutlich spüren.

 

Was entgegnen Sie dem Vorwurf, es würden bestehende Strukturen zerschlagen?

Es geht nicht darum etwas zu zerschlagen, sondern weiterzuentwickeln. Es ist immer besser, proaktiv zu gestalten, als darauf zu warten, gestaltet zu werden. Wir wollen den Bereitschaftsdienst für die Kollegen attraktiver machen. Dazu gehört auch, dass sie dabei entlastet werden, dass sie Optionen erhalten, wie sie ihren Dienst tun und dass sie auch nicht mehr so häufig Dienst haben. Denn durch die Zusammenlegung von Bereitschaftsdienstbezirken sinkt die individuelle Dienstfrequenz.

 

Und wir denken auch an den Nachwuchs. Für viele junge Kollegen sind Häufigkeit sowie Art und Weise des Bereitschaftsdienstes wichtige Kriterien, die für oder gegen eine Niederlassung sprechen können. Deshalb ist es wichtig, dass der Bereitschaftsdienst attraktiv ist.

 

Herr Schwark, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 

Bereitschaftspraxen

Neun ärztliche Bereitschaftspraxen an Krankenhäusern gibt es derzeit im
Land Brandenburg: Bernau, Brandenburg an der Havel, Cottbus, Eberswalde,
Frankfurt (Oder), Königs Wusterhausen, Potsdam, Rüdersdorf und Templin.

Am längsten arbeitet bereits die ärztliche Bereitschaftspraxis am Potsdamer
St. Josefs Krankenhaus. Sie wurde am 1. Januar 2012 eröffnet. Jüngster „Neuzugang“
ist die ärztliche Bereitschaftspraxis am Klinikum Frankfurt (Oder), die am
24. September 2018 in Betrieb genommen wurde.

In diesem Jahr sollen sechs weitere Praxen eröffnet werden: Lübben,
Herzberg (Elster), Oranienburg, Ludwigsfelde, Luckenwalde und Senftenberg.
In den ärztlichen Bereitschaftspraxen werden Patienten mit akuten, aber nicht
lebensbedrohlichen Erkrankungen außerhalb der Öffnungszeiten von Arztpraxen
behandelt.

Die Bereitschaftspraxen haben eine gemeinsame Anmeldung mit der Rettungsstelle.
Anhand einer Notfallkriterienliste der KVBB nimmt das medizinische Personal
eine standardisierte Ersteinschätzung vor.

 

 

15.02.2019