Wir gegen COVID-19

Die KVBB hat ein Konzept zur Patientenversorgung während der Corona-Krise entwickelt. Dazu ein Gespräch mit dem KVBB-Vorstandsvorsitzenden MUDr./ČS Peter Noack

MUDr./ČS Peter NoackBereits jetzt werden sechs von sieben COVID-19-Patienten ambulant behandelt. Wozu brauchen wir in Brandenburg noch ein spezielles Versorgungskonzept?
Weil die Pandemie noch nicht ausgestanden ist. Wir müssen weiterhin mit einem wachsamen „epidemiologischen Auge“ die Infektionszahlen beobachten – gerade auch mit Blick darauf, dass das öffentliche Leben schrittweise wieder hochgefahren wird. Der Herausforderung, COVID-19- Infizierte in den Praxen zu betreuen, gleichzeitig jedoch die reguläre Versorgung aller anderen Patienten nicht zu vernachlässigen, müssen wir uns stellen.

 

Wie kann das gelingen?
Grundsätzlich muss es darum gehen – soweit das in den Praxen nicht bereits geschieht –, COVID-19-Erkrankte, Verdachtsfälle und Patienten mit Erkältungssymptomen konsequent von nicht-infizierten Patienten zu trennen. Dafür sollen vor allem Hausärzte, Kinderärzte, HNO-Ärzte, Pulmologen und Augenärzte spezielle Infektsprechstunden anbieten. Diese müssen zeitlich getrennt von den regulären Sprechzeiten liegen. Um einer eventuell steigenden Zahl von erkrankten Patienten in Quarantäne, den Besuchen in Alten- und Pflegeheimen oder einem eventuellen Ausfall von hausärztlichen  Kollegen begegnen zu können, solltevor Ort eine Hausbesuchsbereitschaft abgesichert sein.

 

Sind auch die anderen Fachgruppen gefordert?
Selbstverständlich, dies kann nur gemeinsam gelingen. Auch fachärztliche Kollegen müssen in ihren Praxen COVID-19-Infizierte von anderen Patienten trennen. Um Haus- und Kinderärzte zu entlasten, muss bei Bedarf die schnelle Patientenübernahme zur Mit- oder Weiterbehandlung durch Fachärzte kollegial organisiert werden. Dabei ist es wichtig zu übermitteln, ob Patienten an COVID-19 erkrankt sind.

 

Darüber hinaus kann jede Fachgruppe durch individuelle Angebote ihren Beitrag leisten. Einige haben dies bereits getan, etwa die Pneumologen. Ziel ist es, regionale Kooperationen aufzubauen, um die Behandlungsnotwendigkeiten fachgruppenübergreifend gemeinsam zu bewältigen.

 

Es gibt also nicht die eine Lösung, die für alle taugt?
Nein. In Potsdam gibt es andere Versorgungsstrukturen und Infektionszahlen als in Neuruppin oder in ländlichen Regionen der Uckermark. Dementsprechend braucht es regional angepasste Lösungen. Die Organisation der Versorgung kann deshalb nur durch die Kollegen vor Ort erfolgen. Die KV unterstützt Sie dabei und steht beratend zur Seite.

 

Wie ist die Resonanz der Kollegen?
Wir haben das Versorgungskonzept intensiv mit der Vertreterversammlung und den Berufsverbänden diskutiert. Außerdem haben wir nach der Veröffentlichung Rückmeldungen einiger Kollegen erhalten.

 

Sind diese Diskussionen im Versorgungskonzept berücksichtigt worden?
Wir haben viele Anregungen und eine neue Bewertung der epidemiologischen Lage, nämlich sinkende Infektionszahlen in Folge der Eindämmungsstrategie, in die Weiterentwicklung des Konzeptes einfließen lassen. So ist nun zum Beispiel eine Hausbesuchsbereitschaft vor Ort vorgesehen. Im Ursprungskonzept war noch ein zusätzlicher Tagesdienst gefordert.

 

Und wie gehen Sie mit der harschen Kritik des Hartmannbundes und des Hausärzteverbandes Brandenburg um?
Dem Vorwurf, mit dem Konzept quasi per Vorstandsdekret die funktionierende Versorgung zu zerschlagen und stattdessen ein Sammelsurium von Einzelbausteinen zu entwickeln, das die Versorgung weder sicherstellt noch ergänzt und nicht praxistauglich sei, widerspreche ich entschieden.

 

Warum?
Weil wir die erste Fassung des Konzeptes vor dem Hintergrund explodierender Fallzahlen und der befürchteten Überlastung des gesamten Gesundheitssystems mit den bekannten Bildern aus Italien oder Spanien verabschiedet haben. Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, für die der Vorstand auch gesetzlich legitimiert und verantwortlich ist. Letztlich ist es unsere ethische Verpflichtung als Ärzte, die Pandemie mit all unseren ärztlichen Möglichkeiten zu bekämpfen.

 

Wie geht es mit der Umsetzung des Konzeptes weiter?
Wir alle wissen nicht, wie sich die Pandemie entwickeln wird. Sollte es ruhig bleiben und das Infektionsgeschehen abflachen, benötigen wir kein Versorgungskonzept. Auch der bestehende Hintergrunddienst könnte dann eingestellt werden. Wir müssen aber auf alles gefasst sein. Daher werden wir kontinuierlich die Lage bewerten und gegebenenfalls Anpassungen vornehmen. Das Wichtigste ist, dass wir weiter im engen Kontakt mit den Ärzten vor Ort stehen. Denn nur Dank engagierter Kolleginnen und Kollegen kommen wir durch diese Pandemie. Dafür herzlichen Dank.

 

Herr Dr. Noack, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 

 

19.05.2020