„Wunderdinge darf man nicht erwarten“

Aktuell im Gespräch mit Dipl.-Med. Andreas Schwark, stellvertretender Vorsitzender der KV Brandenburg, zur neuen Bedarfsplanung

Herr Schwark, am 1. Juli muss die neue Bedarfsplanung für Brandenburg stehen. Wie ist der aktuelle Umsetzungsstand?

 

Der Gesetzgeber hat festgelegt, dass bis zum 30. Juni dieses Jahres die Vorgaben der neuen Bedarfsplanungsrichtlinie auf Landesebene umgesetzt sein müssen. Wir liegen praktisch voll im Plan, obwohl die Zeitspanne sehr ambitioniert ist.

 

Die KV ist verantwortlich für die Aufstellung des Bedarfsplanes.

 

Ja, und darüber haben wir mit den Krankenkassen Einvernehmen zu erzielen. Das soll, nach dem heutigen Kenntnisstand, am 5. Juni geschehen. Da wird sich der Landesausschuss Ärzte und Krankenkassen damit befassen. Auf Basis dieses Beschlusses hat danach der Landesauschuss die Entscheidungen zu treffen, ob der jeweilige Planungsbereich wegen Überversorgung gesperrt wird oder noch Zulassungsmöglichkeiten bestehen.

 

Gerade die KV Brandenburg hatte in den zurückliegenden Jahren die bis dato bestehende Bedarfsplanung immer wieder kritisiert, da sie in vielen Kriterien nicht mehr der Realität entsprach. Wird  sie dann  besser?

 

Man darf natürlich keine Wunderdinge erwarten, beispielsweise, dass damit automatisch mehr Ärzte nach Brandenburg kommen. Aber wir haben sehr eng mit Vertretern der einzelnen Fachgruppen diskutiert und die Kassen frühzeitig in die Umsetzung einbezogen.  

 

Der Gemeinsame Bundesausschuss hatte im Dezember 2012 die Grundsätze der neuen Bedarfsplanung  vorgegeben. Auf Länder-Ebene kann von diesen abgewichen werden, wenn regionale Besonderheiten dies erfordern. Werden wir in Brandenburg davon Gebrauch machen?

 

Wir haben mehrere Optionen zur Modifizierung mit den Ärzten der verschiedenen Fachgruppen mehrmals  intensiv diskutiert, insbesondere für die Fachgruppen der Kinderärzte und der Anästhesisten, aber auch für Nervenärzte und Internisten. Dabei sind wir gemeinsam zu dem Schluss gekommen, nur bei den Anästhesisten eine Abweichung vorzunehmen und nicht wie vorgegeben die räumliche Zuordnung auf die fünf Planungsregionen abzustellen.

 

Sondern?

 

Das ganze Land Brandenburg als räumliche Bezugsgröße zu verwenden. Zudem ergibt die vorgegebene Verhältniszahl für unser Land zehn zusätzliche Zulassungsmöglichkeiten, die aber nicht dem realen Bedarf entsprechen.

 

Das heißt?

 

Deshalb haben wir uns darauf verständigt, von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, innerhalb von drei Jahren die vorgegebene Verhältniszahl schrittweise anzupassen.

 

Definitiv wird  sich die Bedarfsplanung für Hausärzte verändern.

 

Sie sollen künftig nach einer bundesweit einheitlichen sogenannten Verhältniszahl „beplant“ werden. Das bedeutet, dass auf einen Hausarzt 1.671 Einwohner kommen sollten, damit eine Region ausreichend und angemessen versorgt ist.

 

Wenn es eine bundeseinheitliche Messzahl gibt, dann wird doch der regionale Aspekt, der uns beispielsweise eben von ländlichen Regionen in Bayern unterscheidet, erneut ausgeblendet?

 

Nein, denn diese Messzahlvorgabe wird mit Blick auf die Planungsregion bei den Hausärzten insofern modifiziert, dass die Demographie der Versicherten berücksichtigt wird.

 

Und die Planungsregion für die Hausärzte wird  nicht mehr der Landkreis sein …

 

Richtig. Die räumliche Bezugsgröße ist der Mittelbereich Insgesamt gibt es in Brandenburg 46 Mittelbereiche. Sie ähneln im Übrigen den ehemaligen Altkreisen. Wir kennen diese Systematik insofern schon, da wir sie zur Bewertung und Festlegung möglicher regionaler Versorgungsdefizite schon seit drei Jahren im Landesausschuss heranziehen. Damit waren wir quasi bundesweit der Vorreiter für diese Struktur.

 

Welche Änderungen soll es bei den Fachärzten geben?

 

Die fachärztliche Versorgung wird  in drei neue Versorgungsebenen mit unterschiedlichen räumlichen Zuordnungen unterteilt: Zum einen ist dies die „Allgemeine fachärztliche Versorgung“, dann die „Spezialisierte fachärztliche Versorgung“ sowie die „Gesonderte  fachärztliche Versorgung“.

Zur letzteren gehören all diejenigen Arztgruppen, die bislang nicht der Bedarfsplanung unterlagen. Beispielsweise die Nuklearmedizin, Labormedizin, Strahlentherapie, Neurochirurgie, Pathologie, Transfusionsmedizin. Für diese bildet das gesamte Land Brandenburg den Raumbezug.

 

Was zählt zur „spezialisierten fachärztlichen Versorgung“?

 

Hierzu zählen die Fachinternisten, Anästhesisten, Radiologen und Kinder-und Jugendpsychiater. Die Basis, der Raumbezug, sind die fünf Raumordnungsregionen im Land, die in etwa auch bei der Krankenhausplanung Anwendung finden.

 

Und die anderen Facharztgruppen?

 

Das sind Urologen, Augen- und Kinderärzte, HNO-Ärzte, Chirurgen, Haut-, Nerven- und Frauenärzte, Orthopäden sowie Psychotherapeuten. Sie alle gehören zur „Allgemeinen fachärztlichen Versorgungsebene“. Der Planungsbereich wird  hier wie bislang auch der Landkreis sein. Im Übrigen gibt es hier dann nicht nur eine Verhältniszahl wie bei den Hausärzten, sondern fünf verschiedene je nach Typisierung des Landkreises. Die Differenzierung erfolgt nach dem Grad der Mitversorgung entsprechend eines Konzeptes des Bundesinstitutes für Bau-Stadt-und Raumforschung.

 

Herr Schwark, vielen Dank für das Gespräch.
Gefragt und notiert von Ralf Herre

15.05.2013