Mit Trostpflastern können wir keine Patienten behandeln

KVBB-Vorstand zum Aktionstag der ambulanten Medizin

Mehrere hundert ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten demonstrieren heute vor dem Potsdamer Landtag gegen die sich zusehends verschlechternden Arbeitsbedingungen in der ambulanten Medizin. Aufgerufen zu dem Aktionstag haben verschiedenen Berufsverbände. Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) unterstützt den Aktionstag.

 

Dazu sagt der Vorstand der KVBB: „Die Situation in vielen Praxen ist ernst. Viele Kolleginnen und Kollegen sind frustriert und sauer. Das liegt zum einen an den explodierenden Praxiskosten, die einen wirtschaftlichen Praxisbetrieb sehr schwierig machen. Denn wir haben Patienten und keine Kunden. Steigende Kosten können wir nicht einfach weitergeben. Außerdem ist die Vergütung unserer Arbeit streng budgetiert. Zum anderen belasten die Gesetze und Vorgaben die Arbeit in unseren Praxen: Angefangen von überbordender Bürokratie bis hin zu gesetzlich verordneten Digitalisierungsprojekten, die nur Aufwand erzeugen, aber keinen Nutzen für Diagnostik und Therapie haben. Im Ergebnis bleibt immer weniger Zeit für die Patienten. Wir fordern daher praxisgerechte Rahmenbedingungen von der Politik und von den Krankenkassen eine verlässliche und faire Vergütung. Sonst bleibt es kalt und dunkel in den Praxen. Und mit Trostpflastern können wir keine Patienten behandeln.“

 

Statements von Teilnehmern des Aktionstags

 

Dr. Jens Ringel, Nephrologe in Potsdam:

„Wenn die Politik nicht endlich die Bedeutung der ambulanten Medizin für die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung erkennt, wird in den kommenden Jahren das hohe Niveau der Gesundheitsversorgung in Deutschland spürbar schlechter werden. Nicht weniger als die flächendeckende medizinische Versorgung steht zur Disposition. Es werden Menschen zu Schaden kommen, wenn Politik und Krankenkassen nicht endlich aufwachen!“

 

Dr. Martin Zoepp, Orthopäde in Cottbus:

„Unser ärztlicher Arbeitsalltag wird zunehmend von Problemen dominiert, die nichts mehr mit der Versorgung unserer Patienten zu tun haben, sondern immer aufs Neue die Konzeptlosigkeit der Gesundheitspolitik offenbaren.“

 

Dr. Anke Speth, Kinder- und Jugendärztin in Rüdersdorf bei Berlin:

„Ich vertrete als Leitende Ärztin einer Poliklinik 14 verschiedene Fachrichtungen unter einem Dach. Wir beteiligen uns am Aktionstag, weil es Zeit ist, für eine auch zukünftig qualitativ hochwertige Patientenversorgung in allen Fachgebieten nicht nur zu funktionieren und auf sich ständig ändernde Rahmenbedingungen zu reagieren, sondern auch zu kommunizieren, woran das in Zukunft scheitern könnte, sollten unsere Sorgen nicht gehört werden.“

 

Catrin Steiniger, Urologin in Lübbenau:

„Ohne leistungsgerechte, entbudgetierte Vergütung kann die ambulante Versorgung in dieser Form in Zukunft nicht mehr gewährleistet werden. Wir stehen an einem Scheideweg, der durch Mangel an "Arzt-Zeit" und die Alterspyramide der Bevölkerung forciert wird.“

 

Dr. Stefan Roßbach-Kurschat, Hausarzt aus Nauen:

„Die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten sind ein fatales Signal an den ärztlichen Nachwuchs. Die ambulante Arbeit wird zusehends unattraktiv. Wenn sich das nicht schnellsten ändert, dann sehe ich schwarz für die ambulante Versorgung der Zukunft. Wir brauchen dringend verlässliche Rahmenbedingungen und eine faire Vergütung, damit sich junge Kolleginnen und Kollegen noch für eine Tätigkeit in der Praxis entscheiden. Praxen, die heute schließen, werden morgen nicht mehr wiedereröffnet und fehlen in der Versorgung unserer Patienten “

 

Dr. Ralf Greese, Chirurg in Wittstock/Dosse:

„Wir fordern von der Politik eine gleichberechtigte Unterstützung bei den finanziellen Belastungen für Krankenhaus und Praxis.“

 

Astrid Tributh, Hausärztin in Potsdam:

„Ich habe Angst, dass die ambulante Medizin immer mehr im Krankenhaus stattfinden wird, also staatlich dirigiert, und die Freiberuflichkeit aufgegeben wird, weil die Kosten nicht mehr getragen werden können. Das Personal in den Praxen wird auf Verschleiß gefahren, wenn man denn noch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat!“

 

Dr. Arnfried Heine, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
-psychotherapie in Cottbus:

„Die Maßnahmen der Corona-Pandemie haben Kindern und Jugendlichen massiv geschadet, bei zunehmenden psychischen Störungen werden 98 Prozent der Kinder und Jugendlichen ambulant behandelt. Dennoch gibt es keinerlei Unterstützung durch die Politik für den ambulanten Bereich, sondern Kürzungen, zum Beispiel die Neupatientenregelung, und es fehlen jegliche finanzielle Hilfen. Das muss sofort geändert werden, denn es führt zur schlechteren Versorgung von Kindern und Jugendlichen!“

 

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07.12.2022