Umfrage: Massiver Rückzug aus der ambulanten Versorgung in Brandenburg erwartet
Die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz offenbaren ein verheerendes Bild: Das geplante Sparpaket der Bundesregierung wird zu Leistungskürzungen, Praxisaufgaben und einem drastischen Abbau von Patienten-Terminen im Land Brandenburg führen.
Die geplante Deckelung der Einnahmen aus der so genannten morbiditätsbedingten Gesamtvergütung an die Grundlohnrate empfinden 88 Prozent der Teilnehmenden als direkte Gefährdung ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. Der Wegfall der Zuschläge für zusätzliche zeitnahe Facharzttermine und offene Sprechstunden wirkt sich für 74 Prozent der Praxen klar negativ aus.
Die Reaktion der Praxen auf diesen Entzug ist zwangsläufig:
- 66 Prozent werden ihre Sprechstunden und Termine reduzieren müssen.
- 34 Prozent sehen sich gezwungen, Personal zu entlassen oder Stellen nicht nachzubesetzen.
- 76 Prozent wollen auf notwendige Investitionen verzichten oder diese verschieben.
In den Freitextantworten der Umfrage zeichnet sich eine düstere Tendenz ab. Viele KVBB-Mitglieder nennen explizit die Praxisaufgabe oder die Rückgabe des Kassensitzes als finale Konsequenz. Auch unbezahlte, aber für die Region lebenswichtige Leistungen wie Netzwerkarbeit, Krisenversorgung sowie die Aus- und Weiterbildung stehen vor dem Aus.
„Diese Zahlen sind kein theoretisches Szenario, sondern ein Protokoll des angekündigten Rückzugs“, so Catrin Steiniger, Vorstandsvorsitzende der KVBB. „Wenn der Bundestag dieses Sparpaket beschließt, wird damit das Ende der flächendeckenden Versorgung in Brandenburg, wie wir sie kennen, unterschrieben. Das wird auch massive negative Auswirkungen auf die Krankenhausreform in unserem Land haben. Die Übernahmen zusätzlicher Leistungen und eine Ambulantisierung werden unter den avisierten Rahmenbedingungen unmöglich. Wer Praxen finanziell aushungert, muss den Menschen erklären, warum sie künftig vor verschlossenen Praxistüren stehen.“
An der nicht-repräsentativen Erhebung beteiligten sich 650 niedergelassene Ärztinnen, Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, überwiegend aus Einzelpraxen (74 Prozent) in Klein- und Mittelstädten. Die Rückmeldungen sind ein flächendeckender Alarmruf aus dem gesamten Spektrum der ambulanten brandenburgischen Versorgungslandschaft.
Stimmen der Basis
Zitate aus der Umfrage
- „Unsere Miete ist günstig, das Personal arbeitet knapp über Mindestlohn, die angestellte Ärztin und ich als Inhaber arbeiten deutlich untertariflich – und wir müssen noch den Kredit der Praxisübernahme zurückzahlen. Wir sehen keine Möglichkeiten der Kostenreduzierung mehr.“
- „Ich habe erst vor drei Jahren meine Kassenzulassung erhalten. Nach Studium und Ausbildung muss ich nun hohe Schulden abbezahlen. Ich sehe meine Zukunftsplanung akut gefährdet.“
- „Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient wird zerstört. Die schwächsten Patienten – alte, multimorbide, arme, digital ungebildete – werden schlechter versorgt werden, schwerer krank sein ... und früher sterben.“
- „Aus therapeutischer Sicht sehe ich die Patientenversorgung massiv gefährdet. Es entstehen Mehrkosten im Gesundheitssystem, die das System immer weiter ausmergeln.“
- „Die Kinder- und Jugendmedizin ist kein austauschbares Fachgebiet, sondern eine tragende Säule des gesunden Aufwachsens. Wenn hier Honorare gedeckelt werden, trifft das die Zukunft unserer Kinder.“
- „Gerade für Kassenpraxisinhaber wie mich, die lange Strecken pendeln, um die Landbevölkerung zu versorgen, sind die hohen Ausgaben nicht mehr auszugleichen. Das Fortführen einer Kassenpraxis wird so unwirtschaftlich.“
- „Ich bin nie krank, habe Fallzahlen deutlich über dem Durchschnitt, bin immer für meine Patientinnen da. Aber irgendwann habe auch ich keine Motivation mehr. Wenn ich ständig mit dem verbleibenden Geld rechnen muss, stimmt hier einiges nicht mehr. Es reicht.“
- „Es drängt sich der Eindruck auf, wir sind schon mitten in einer Strukturreform mit dem Ziel, britische Verhältnisse zu schaffen.“
- „Mich ärgert besonders, dass die Masse der politisch Entscheidenden mit großer Wahrscheinlichkeit als Privatversicherte nicht von den Kürzungen betroffen sein wird.“